Thüringen will den ländlichen Raum mit einer neuen Dorfentwicklungsstrategie stärken. Unter dem Arbeitstitel „Dorf der Zukunft“ plant das Landwirtschaftsministerium multifunktionale Dorfzentren, in denen je nach Bedarf Nahversorgung, Gesundheitsangebote, Beratung, Mobilität, Verwaltung und Vereinsleben miteinander verbunden werden können.

Landwirtschaftsministerin Colette Boos-John stellte die ersten Grundzüge des Konzepts zum Abschluss ihrer Sommertour „Leute.Machen.Land – Die Landleben-Tour“ in Erfurt vor. Die Strategie soll in den kommenden Monaten weiter ausgearbeitet werden. Eine erste Pilotphase mit interessierten Kommunen ist für 2027 vorgesehen.

Dorfzentren sollen mehrere Aufgaben übernehmen

Kern der geplanten Strategie sind Einrichtungen, die unterschiedliche Angebote unter einem Dach oder an einem zentralen Standort bündeln.

Je nach Situation in der jeweiligen Gemeinde könnten dazu gehören:

  • ein Dorfladen oder eine Ausgabestelle für regionale Lebensmittel,
  • Räume für Vereine und Veranstaltungen,
  • digitale Verwaltungsangebote,
  • medizinische oder pflegerische Sprechstunden,
  • Beratungsangebote,
  • Mobilitätsdienste,
  • Paket- und Postangebote,
  • soziale Treffpunkte.

Das Ministerium setzt dabei ausdrücklich nicht auf ein einheitliches Modell für alle Gemeinden. Jede Kommune soll die Bausteine auswählen können, die zu ihrer Größe, Bevölkerungsstruktur und vorhandenen Infrastruktur passen.

Kein Dorfzentrum von der Stange

Boos-John betonte, dass die Bedürfnisse der Menschen vor Ort entscheidend sein sollen. Ein kleiner Ort mit vielen älteren Einwohnern benötigt möglicherweise andere Angebote als eine wachsende Gemeinde im Umfeld einer Stadt.

Während in einem Dorf die medizinische Versorgung oder ein Bürgerbus im Mittelpunkt stehen könnte, wären andernorts ein Laden, ein Vereinsraum oder ein gemeinsamer Arbeitsplatz wichtiger.

Das Konzept verfolgt deshalb einen modularen Ansatz. Gemeinden sollen vorhandene Angebote ergänzen und miteinander verknüpfen, statt zwingend vollständig neue Einrichtungen aufzubauen.

Bestehende Gebäude könnten neue Aufgaben erhalten

Für multifunktionale Dorfzentren kommen auch bestehende Immobilien infrage. Denkbar sind ehemalige Schulen, Gemeindehäuser, leer stehende Geschäfte, alte Gaststätten oder andere kommunale Gebäude.

Die Umnutzung vorhandener Häuser könnte mehrere Vorteile haben. Leerstand würde reduziert, historische Ortskerne könnten belebt und neue Flächenversiegelungen vermieden werden.

Allerdings entstehen dabei häufig hohe Sanierungs- und Betriebskosten. Entscheidend wird deshalb sein, ob das Land nicht nur den Umbau, sondern auch tragfähige Nutzungskonzepte unterstützt.

Strategie entwickelt die Thüringen-Läden weiter

Die neue Dorfstrategie knüpft an die im Koalitionsvertrag vereinbarte Idee der sogenannten Thüringen-Läden an.

Diese sollten ursprünglich vor allem die Nahversorgung mit regionalen Produkten verbessern. Das nun vorgestellte Konzept geht darüber hinaus.

Aus einem reinen Verkaufsort soll ein Zentrum werden können, das mehrere Funktionen für das Dorf übernimmt. Ein Laden könnte beispielsweise mit einer Paketstation, einer Gemeindesprechstunde, einem kleinen Café und einem Raum für Vereine verbunden werden.

Damit reagiert das Ministerium auf die Tatsache, dass einzelne Angebote in kleinen Orten häufig wirtschaftlich kaum tragfähig sind. Werden mehrere Dienstleistungen gebündelt, könnten Personal, Räume und Betriebskosten effizienter genutzt werden.

Professionelle Begleiter sollen Projekte unterstützen

Ein wichtiger Bestandteil der Strategie sind sogenannte Prozess- und Zukunftsbegleiter.

Sie sollen Kommunen, Vereine und Bürgerinitiativen langfristig dabei unterstützen, aus ersten Ideen umsetzbare Projekte zu entwickeln.

Zu ihren Aufgaben könnten gehören:

  • die Ermittlung des tatsächlichen Bedarfs,
  • die Organisation von Bürgerbeteiligung,
  • die Suche nach geeigneten Partnern,
  • die Entwicklung eines Betriebsmodells,
  • die Prüfung von Förderprogrammen,
  • die Begleitung von Anträgen und Genehmigungen,
  • die Vernetzung mit anderen Gemeinden.

Die Begleiter sollen nach den Vorstellungen des Ministeriums nicht nur kurzfristig beraten. Sie sollen Projekte über längere Zeit betreuen und dafür sorgen, dass Ideen nach der ersten Planungsphase nicht versanden.

Akademie Ländlicher Raum übernimmt Qualifizierung

Die „Akademie Ländlicher Raum“ im Landwirtschaftsministerium soll die Prozess- und Zukunftsbegleiter ausbilden und fachlich unterstützen.

Damit will das Land eine einheitliche Qualität der Beratung sicherstellen. Die Begleiter benötigen Kenntnisse in Förderrecht, Regionalentwicklung, Bürgerbeteiligung und Projektmanagement.

Gerade kleinere Gemeinden verfügen häufig nicht über ausreichend Personal, um komplexe Förderanträge und umfangreiche Entwicklungsprozesse allein zu bewältigen.

Professionelle Unterstützung könnte deshalb eine Lücke zwischen ehrenamtlichem Engagement und kommunaler Verwaltung schließen.

Rund 30 Stationen während der Sommertour

Boos-John hatte während ihrer Landleben-Tour in zwei Wochen rund 30 Stationen im ländlichen Thüringen besucht.

Dabei traf sie unter anderem kommunale Vertreter, Vereine, Unternehmen und Initiativen. Die Vorschläge und Forderungen wurden in einem sogenannten Tour-Buch gesammelt und sollen nun in die weitere Strategie einfließen.

Die Tour war Teil einer länger angelegten Reihe, bei der die Ministerin Projekte zur Grundversorgung und Entwicklung ländlicher Regionen besucht. Bereits im Frühjahr standen unter anderem geförderte Einrichtungen in Nordthüringen auf dem Programm.

Ideen vorhanden, Umsetzung häufig schwierig

Nach der Bilanz des Ministeriums fehlt es in Thüringens Dörfern nicht an Ideen oder Engagement.

Viele Projekte scheitern jedoch an bürokratischen Hürden, fehlenden Partnern oder unsicherer Finanzierung. Als wiederkehrende Probleme wurden lange Genehmigungsverfahren, komplizierte Förderbedingungen und mangelnde Planungssicherheit genannt.

Auch die Vielzahl unterschiedlicher Programme kann Kommunen und Vereine überfordern. Häufig müssen verschiedene Förderquellen kombiniert werden, obwohl Antragsfristen, Voraussetzungen und Abrechnungsregeln nicht aufeinander abgestimmt sind.

Die neue Strategie soll deshalb bestehende Instrumente der Dorferneuerung und Dorfentwicklung stärker miteinander verbinden.

Nahversorgung bleibt eines der größten Probleme

In vielen ländlichen Gemeinden sind Geschäfte, Gaststätten, Arztpraxen und Bankfilialen verschwunden.

Besonders ältere Menschen ohne eigenes Auto geraten dadurch in Schwierigkeiten. Selbst alltägliche Einkäufe oder Arztbesuche können lange Wege und aufwendige Organisation erfordern.

Ein Dorfladen allein kann dieses Problem allerdings nicht immer lösen. Kleine Geschäfte haben häufig mit niedrigen Umsätzen, hohen Energiekosten und Personalmangel zu kämpfen.

Multifunktionale Zentren könnten die wirtschaftliche Grundlage verbreitern, indem sie mehrere Angebote kombinieren. Ob dies dauerhaft funktioniert, hängt jedoch von der tatsächlichen Nutzung und einem realistischen Betriebskonzept ab.

Mobile und digitale Angebote als Ergänzung

Nicht jede Dienstleistung muss täglich mit eigenem Personal vor Ort verfügbar sein.

Denkbar sind regelmäßige Sprechstunden von Ärzten, Pflegeberatern oder Behörden. Digitale Beratungsplätze könnten Einwohner mit Fachstellen verbinden, ohne dass diese ständig im Dorf vertreten sein müssen.

Auch Rufbusse, Bürgerbusse oder gemeinschaftlich organisierte Fahrdienste könnten an einem Dorfzentrum koordiniert werden.

Digitale Lösungen können persönliche Angebote allerdings nicht vollständig ersetzen. Gerade ältere oder weniger technikerfahrene Menschen benötigen weiterhin direkte Ansprechpartner.

Ehrenamt braucht verlässliche Unterstützung

Viele soziale und kulturelle Angebote in Thüringens Dörfern werden ehrenamtlich getragen.

Feuerwehren, Sportvereine, Heimatvereine, Kirchengemeinden und Bürgerinitiativen sichern einen großen Teil des gemeinschaftlichen Lebens.

Gleichzeitig stoßen Ehrenamtliche zunehmend an ihre Grenzen. Neben ihrer eigentlichen Arbeit müssen sie Förderanträge schreiben, Abrechnungen erstellen, Veranstaltungen organisieren und rechtliche Vorgaben beachten.

Die geplanten Zukunftsbegleiter könnten diese Belastung verringern. Entscheidend wird sein, dass sie tatsächlich dauerhaft erreichbar sind und nicht nur für eine kurze Projektphase eingesetzt werden.

Pilotkommunen sollen 2027 starten

Das Landwirtschaftsministerium will das Konzept in den kommenden Monaten gemeinsam mit der Akademie Ländlicher Raum und weiteren Ressorts konkretisieren.

Anschließend sollen Gemeinden gefunden werden, die an einer Pilotphase teilnehmen. Diese soll nach den bisherigen Planungen bereits 2027 beginnen.

In den Modellkommunen könnte erprobt werden, welche Kombinationen aus Versorgung, Beratung, Mobilität und Gemeinschaft funktionieren.

Nach einer Auswertung der Erfahrungen soll der Ansatz schrittweise auf weitere interessierte Gemeinden ausgeweitet werden.

Finanzierung noch nicht im Detail geklärt

Noch offen ist, wie hoch die verfügbaren Mittel sein werden und welche Ausgaben das Land fördern will.

Für den Aufbau eines Dorfzentrums entstehen nicht nur Investitionskosten. Auch Personal, Energie, Instandhaltung und laufende Angebote müssen bezahlt werden.

Viele frühere Projekte im ländlichen Raum konnten mit Fördermitteln aufgebaut werden, gerieten aber nach dem Ende der Förderung wirtschaftlich unter Druck.

Die neue Strategie wird deshalb daran gemessen werden müssen, ob sie auch die langfristige Finanzierung und den dauerhaften Betrieb berücksichtigt.

Erfolg hängt von den Menschen vor Ort ab

Das Ministerium betont, dass die Initiative aus den Regionen selbst kommen soll.

Dorfzentren können nicht dauerhaft funktionieren, wenn sie ausschließlich von Landesbehörden geplant werden und vor Ort kaum genutzt werden.

Kommunen, Vereine, Unternehmen und Einwohner müssen gemeinsam entscheiden, welche Angebote benötigt werden und wer Verantwortung übernimmt.

Das Land soll dafür Beratung, Fördermittel und verlässliche Rahmenbedingungen bereitstellen.

Ostdeutsche Dörfer brauchen konkrete Lösungen

Die Herausforderungen Thüringens sind auch in anderen ostdeutschen Flächenländern bekannt.

Bevölkerungsrückgang, Alterung, leer stehende Gebäude und der Verlust von Dienstleistungen treffen viele ländliche Regionen. Gleichzeitig gibt es Dörfer mit starken Vereinen, engagierten Bürgern und neuen wirtschaftlichen Ideen.

Beispiele wie die Thüringer Gemeinde Dreba zeigen, dass auch kleine Orte durch Bürgerbusse, kulturelle Angebote, Tourismusprojekte und eine aktive Dorfgemeinschaft neue Perspektiven entwickeln können. Dreba wurde 2026 im Bundeswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ mit Silber ausgezeichnet.

Solche Beispiele lassen sich jedoch nicht ohne Weiteres auf jede Gemeinde übertragen. Die geplante Strategie muss deshalb tatsächlich genügend Spielraum für regionale Unterschiede lassen.

Fazit

Thüringen will mit multifunktionalen Dorfzentren auf die wachsenden Probleme der ländlichen Versorgung reagieren.

Dorfläden, soziale Treffpunkte, Gesundheitsangebote, Verwaltung, Mobilität und Vereinsräume sollen je nach örtlichem Bedarf miteinander verbunden werden. Professionelle Prozess- und Zukunftsbegleiter sollen Kommunen und Initiativen von der ersten Idee bis zur Umsetzung unterstützen.

Der Ansatz ist sinnvoll, weil viele kleinere Gemeinden nicht für jede Aufgabe eine eigene Einrichtung unterhalten können. Entscheidend wird jedoch sein, ob das Land bürokratische Hürden tatsächlich abbaut und auch für den dauerhaften Betrieb tragfähige Lösungen findet.

Die ersten Pilotkommunen sollen 2027 starten. Dann wird sich zeigen, ob aus dem Arbeitstitel „Dorf der Zukunft“ ein praxistaugliches Modell für Thüringens ländliche Regionen wird.

Quelle

Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Landwirtschaft und Ländlichen Raum: Mitteilung zum Abschluss der Landleben-Tour „Leute.Machen.Land“ und zu den Grundzügen der Strategie „Dorf der Zukunft“, Juli 2026.