Wer sein Leben lang gearbeitet hat, sollte im Alter abgesichert sein. Doch in Sachsen-Anhalt reicht selbst eine lange Versicherungszeit für viele Rentner nicht aus, um deutlich über der Armutsgrenze zu liegen. Neue Zahlen zeigen, wie tief das ostdeutsche Lohngefälle bis in den Ruhestand hineinwirkt.
Sachsen-Anhalt gehört weiterhin zu den Bundesländern mit den niedrigsten gesetzlichen Altersrenten. Selbst Menschen, die mindestens 45 Versicherungsjahre erreicht haben, erhalten dort im Durchschnitt deutlich weniger als vergleichbare Rentner in Westdeutschland.
Der durchschnittliche Rentenzahlbetrag nach mindestens 45 Versicherungsjahren liegt in Sachsen-Anhalt bei Männern bei rund 1.604 Euro im Monat. In Westdeutschland sind es durchschnittlich etwa 1.900 Euro. Frauen in Sachsen-Anhalt erhalten im Mittel rund 1.469 Euro, gegenüber etwa 1.496 Euro im Westen. Insgesamt liegen im Land rund 139.000 Altersrenten unter 1.450 Euro monatlich.
97.000 Menschen trotz 45 Versicherungsjahren unter der Schwelle
Besonders alarmierend ist die Zahl derjenigen, denen auch ein langes Arbeitsleben keine auskömmliche Rente sichert. Nach aktuellen Angaben erhalten in Sachsen-Anhalt rund 97.000 Menschen mit mindestens 45 Versicherungsjahren einen Rentenzahlbetrag unterhalb der bundesweiten Armutsgefährdungsschwelle von zuletzt rund 1.446 Euro im Monat.
Damit wird ein grundlegendes Versprechen des Sozialstaates infrage gestellt: Wer jahrzehntelang arbeitet und Beiträge zahlt, darf im Alter nicht in finanzielle Unsicherheit abrutschen.
Niedrige Löhne werden zu niedrigen Renten
Die Ursache liegt nicht allein im Rentensystem. Sie beginnt bereits während des Erwerbslebens.
Im Jahr 2025 verdienten in Sachsen-Anhalt rund 48 Prozent der Vollzeitbeschäftigten weniger als 3.500 Euro brutto im Monat. Bundesweit lag der Anteil bei etwa 32 Prozent. Mehr als 70 Prozent der Beschäftigten im Land blieben unter 4.500 Euro brutto.
Wer jahrzehntelang niedrige Beiträge einzahlt, sammelt entsprechend wenige Rentenpunkte. Das ostdeutsche Lohngefälle endet deshalb nicht mit dem letzten Arbeitstag. Es setzt sich in der Rente fort.
Gerade Beschäftigte im Einzelhandel, in der Gastronomie, in der Pflege, in der Logistik, im Handwerk oder in der Lebensmittelindustrie sind betroffen. Viele von ihnen arbeiten körperlich schwer, können aber kaum privat vorsorgen.
Private Vorsorge ist im Osten seltener möglich
In Ostdeutschland sind viele Menschen besonders stark auf die gesetzliche Rente angewiesen. Betriebliche Altersvorsorge, größere Immobilienvermögen oder hohe Erbschaften sind deutlich seltener vorhanden als in vielen westdeutschen Regionen.
Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze hat deshalb gefordert, bei der geplanten Rentenreform die besondere Lage Ostdeutschlands stärker zu berücksichtigen. Für viele Menschen im Osten sei die gesetzliche Rente nicht nur eine Basisabsicherung, sondern die entscheidende Einnahmequelle im Alter.
Immer mehr Rentner brauchen Grundsicherung
Die Folgen werden bereits sichtbar. Im September 2025 waren in Sachsen-Anhalt erstmals mehr als 11.000 ältere Menschen auf Grundsicherung im Alter angewiesen. Das waren rund 4.000 mehr als fünf Jahre zuvor.
Die tatsächliche Zahl finanziell bedürftiger Rentner dürfte höher liegen. Nicht jeder Anspruchsberechtigte beantragt Grundsicherung. Manche verzichten aus Scham, andere kennen ihre Ansprüche nicht oder fürchten den bürokratischen Aufwand.
Bundesweit galten 2025 rund 19,5 Prozent der Menschen ab 65 Jahren als armutsgefährdet. Als Schwelle wurden für einen alleinlebenden Menschen 1.445 Euro netto im Monat angesetzt.
Frauen besonders gefährdet
Frauen sind überdurchschnittlich betroffen. Gründe sind unter anderem Teilzeitarbeit, Kindererziehungszeiten, niedrigere Löhne und längere Unterbrechungen im Erwerbsleben.
Bundesweit lag die Armutsgefährdungsquote älterer Frauen zuletzt deutlich über derjenigen älterer Männer. In Sachsen-Anhalt verschärft das insgesamt niedrigere Lohnniveau die Lage zusätzlich.
Ein langes Arbeitsleben muss wieder schützen
Die Rentendebatte darf sich nicht nur um Beitragssätze, Renteneintrittsalter und Haushaltszahlen drehen. Sie muss beantworten, was jahrzehntelange Arbeit künftig noch wert ist.
Wer 40 oder 45 Jahre gearbeitet hat, darf nicht gezwungen sein, im Ruhestand jeden Einkauf, jede Heizkostenabrechnung und jede notwendige Reparatur zweimal zu überdenken.
Eine glaubwürdige Rentenpolitik braucht deshalb mehrere Bausteine:
- höhere und flächendeckende Tariflöhne,
- eine Stabilisierung des gesetzlichen Rentenniveaus,
- eine bessere Absicherung niedriger Einkommen,
- stärkere betriebliche Altersvorsorge,
- und eine gerechtere Finanzierung durch einen größeren Kreis von Beitragszahlern.
Ostdeutsche Lebensleistung darf nicht billig bleiben
Die niedrigen Renten in Sachsen-Anhalt sind kein persönliches Versagen der Betroffenen. Sie sind das Ergebnis jahrzehntelang niedriger Löhne, gebrochener Erwerbsbiografien nach der Wiedervereinigung und fehlender Möglichkeiten zur privaten Vorsorge.
Es ist schwer vermittelbar, wenn Menschen nach 45 Arbeitsjahren kaum mehr zur Verfügung haben als jemand, der nur kurze Zeit Beiträge gezahlt hat. Eine solche Entwicklung untergräbt das Vertrauen in Leistung, Sozialstaat und Demokratie.
Der Osten braucht keine Belehrungen darüber, länger zu arbeiten. Viele Menschen haben längst ein ganzes Berufsleben geleistet. Sie brauchen eine Rente, die diese Lebensleistung endlich angemessen anerkennt.