Eisenhüttenstadt geht im Wettbewerb um neue Einwohner einen ungewöhnlichen Weg. Ausgewählte Interessenten dürfen für mehrere Wochen kostenlos in vollständig ausgestatteten Wohnungen leben und dabei prüfen, ob die brandenburgische Industriestadt für sie als neuer Lebensmittelpunkt infrage kommt.

Das Projekt trägt den Namen „Jetzt Pläne schmieden – Probewohnen in Eisenhüttenstadt“. Die Teilnehmer sollen nicht lediglich einige touristische Tage verbringen, sondern den tatsächlichen Alltag kennenlernen: Wohnviertel, Arbeitsplätze, Vereine, Kulturangebote, Einkaufsmöglichkeiten und das gesellschaftliche Leben der Stadt.

Zweite Runde lief im Mai und Juni 2026

Nach dem ersten Durchgang im Jahr 2025 wurde das Probewohnen 2026 fortgesetzt. Die ausgewählten Teilnehmer lebten vom 11. Mai bis höchstens 5. Juni in Eisenhüttenstadt. Dafür stellten die kommunalen Wohnungsunternehmen EWG und GeWi vier eingerichtete Wohnungen zur Verfügung.

An der zweiten Runde nahmen fünf Menschen aus verschiedenen Regionen Deutschlands teil. Darunter waren ein Paar, eine Rentnerin, ein alleinstehender Teilnehmer und ein Familienvater. Während ihres Aufenthalts erhielten sie Einblicke in Unternehmen, ehrenamtliche Angebote und das gesellschaftliche Leben vor Ort.

Rund 300 Interessenten für wenige Wohnungen

Das Interesse war deutlich größer als das verfügbare Angebot. Rund 300 Menschen forderten nach Angaben des Projektteams Bewerbungsunterlagen an beziehungsweise bewarben sich um die wenigen Plätze. Eine Jury wählte anschließend die Teilnehmer aus.

Schon die erste Ausgabe des Projekts hatte bundesweit und international für Aufmerksamkeit gesorgt. Damals gingen nach unterschiedlichen Angaben weit mehr als 1.700 Bewerbungen ein. Die große Resonanz machte Eisenhüttenstadt weit über Brandenburg hinaus als möglichen Wohn- und Arbeitsort bekannt.

Erste Teilnehmer sind dauerhaft geblieben

Das Probewohnen ist inzwischen mehr als eine reine Werbeaktion. Nach aktuellen Berichten entstanden aus der ersten Runde zehn Mietverträge. Insgesamt sollen 13 Menschen aufgrund des Projekts dauerhaft nach Eisenhüttenstadt gezogen sein.

Damit erzielt die Stadt zwar noch keinen zahlenmäßig großen Bevölkerungszuwachs. Das Projekt zeigt jedoch, dass gezieltes Standortmarketing einzelne Menschen tatsächlich zu einem Umzug bewegen kann.

Besonders wertvoll ist die öffentliche Aufmerksamkeit: Eisenhüttenstadt wird nicht mehr ausschließlich mit Abwanderung, Strukturproblemen und der Geschichte als DDR-Planstadt verbunden. Die Kampagne lenkt den Blick stärker auf bezahlbaren Wohnraum, kurze Wege, vorhandene Infrastruktur und berufliche Möglichkeiten.

Stadt verlor mehr als die Hälfte ihrer Einwohner

Eisenhüttenstadt wurde nach 1950 als neuer Industrie- und Wohnstandort rund um das Eisenhüttenkombinat aufgebaut. Zeitweise lebten dort mehr als 50.000 Menschen. Heute hat die Stadt nur noch ungefähr 24.000 Einwohner.

Der starke Bevölkerungsrückgang setzte nach der deutschen Wiedervereinigung ein. Arbeitsplätze verschwanden, viele junge Menschen zogen fort und ganze Wohnblöcke wurden zurückgebaut.

Inzwischen versucht die Stadt, den negativen Trend zu stoppen. Dabei spielen moderne Industriearbeitsplätze, die Transformation der Stahlproduktion, günstiger Wohnraum und die Nähe zu Polen eine wichtige Rolle.

Probewohner sollen den echten Alltag kennenlernen

Das Konzept unterscheidet sich von einer klassischen Tourismuswerbung. Die Teilnehmer treffen örtliche Unternehmen, lernen Vereine kennen, nehmen an gemeinsamen Veranstaltungen teil und können sich mit Einwohnern über das Leben in der Stadt austauschen.

Teilweise gehören auch Praktika, Betriebsbesuche und ehrenamtliche Einsätze zum Programm. Auf diese Weise sollen nicht nur schöne Bilder vermittelt, sondern konkrete berufliche und gesellschaftliche Kontakte aufgebaut werden.

Die Wohnungen werden kostenfrei bereitgestellt. Persönliche Ausgaben wie Verpflegung, Anreise und alltägliche Lebenshaltungskosten müssen die Teilnehmer grundsätzlich selbst tragen.

Günstige Wohnungen allein reichen nicht

Eisenhüttenstadt kann mit vergleichsweise bezahlbaren Mieten und freien Wohnungen werben. Für eine dauerhafte Entscheidung sind jedoch weitere Faktoren entscheidend: sichere Arbeitsplätze, medizinische Versorgung, Schulen, Kinderbetreuung, Nahverkehr und ein lebendiges Stadtzentrum.

Gerade jüngere Familien und qualifizierte Fachkräfte erwarten mehr als eine günstige Wohnung. Sie benötigen langfristige berufliche Perspektiven und ein Umfeld, in dem sie sich gesellschaftlich willkommen fühlen.

Das Probewohnen kann diese Voraussetzungen nicht ersetzen. Es kann aber Vorurteile abbauen und Interessenten ermöglichen, die Stadt nicht nur anhand von Statistiken oder Medienberichten zu beurteilen.

Ein kleines Projekt mit großer Außenwirkung

Gemessen an der Einwohnerzahl sind 13 neue Bewohner noch keine demografische Wende. Für eine Stadt, die über Jahrzehnte mit Abwanderung verbunden wurde, besitzt das Ergebnis dennoch einen hohen symbolischen Wert.

Zehn neue Mietverträge bedeuten belegte Wohnungen, neue Nachbarn und zusätzliche Kaufkraft. Gleichzeitig erhält die Stadt Rückmeldungen darüber, was potenzielle Zuzügler überzeugt und welche Schwächen sie noch sehen.

Eisenhüttenstadt nutzt damit vorhandenen Wohnraum nicht nur zur Unterbringung, sondern als Instrument aktiver Stadtentwicklung.

Ein Modell für andere ostdeutsche Städte

Auch andere ostdeutsche Kommunen haben bereits Erfahrungen mit ähnlichen Angeboten gesammelt. Guben und Eberswalde gehören zu den Städten, die Menschen zeitweise kostenlos oder besonders günstig wohnen ließen, um ihnen den Standort näherzubringen.

Solche Projekte lösen den Bevölkerungsrückgang nicht allein. Sie können aber helfen, Städte sichtbar zu machen, die bei der Wohnortsuche sonst kaum berücksichtigt würden.

Eisenhüttenstadt zeigt, dass kommunales Marketing dann besonders glaubwürdig wirkt, wenn Interessenten nicht nur Werbebroschüren erhalten, sondern mehrere Wochen lang selbst erleben können, wie sich das Leben vor Ort anfühlt.

Das kostenlose Probewohnen ist kein Ersatz für eine langfristige Wirtschafts- und Bevölkerungspolitik. Eine Stadt gewinnt dauerhaft nur dann Einwohner, wenn Arbeitsplätze, Infrastruktur und Lebensqualität überzeugen.

Dennoch ist das Eisenhüttenstädter Modell bemerkenswert. Mit überschaubarem Aufwand erreicht die Stadt bundesweite Aufmerksamkeit und konkrete Zuzüge. Statt den Bevölkerungsschwund lediglich zu verwalten, wirbt Eisenhüttenstadt aktiv um Menschen, die im Osten eine neue Heimat suchen.