Brandenburg lotet eine engere Zusammenarbeit mit polnischen Regionen bei der Stromversorgung aus. Ministerpräsident Dietmar Woidke brachte nach einem Treffen mit dem Marschall der Woiwodschaft Niederschlesien, Paweł Jarosław Gancarz, eine gemeinsame Strompreiszone ins Gespräch. Von einem fertigen Modell kann allerdings noch keine Rede sein. Die Prüfung befinde sich erst in einem frühen Stadium.

Woidke erwartet niedrigere Strompreise

Woidke verbindet mit einer möglichen grenzüberschreitenden Strompreiszone vor allem die Hoffnung auf günstigere Energie für Verbraucher und Unternehmen in Brandenburg. Zugleich soll erneuerbarer Strom stärker in den Regionen genutzt werden, in denen er erzeugt wird.

Als Vergleich verweist der Ministerpräsident auf Überlegungen norddeutscher Länder, enger mit Dänemark zusammenzuarbeiten. Brandenburg könnte nach einem ähnlichen Prinzip eine Kooperation mit angrenzenden polnischen Regionen prüfen.

Brandenburg produziert viel Strom – profitiert aber zu wenig

Hinter dem Vorstoß steht ein seit Jahren wachsender Konflikt. Brandenburg erzeugt große Mengen Strom aus Windkraft und Photovoltaik. Dennoch führt die hohe Stromproduktion bislang nicht automatisch zu niedrigeren Preisen für Haushalte und Unternehmen im Land.

Woidke hatte bereits zuvor gefordert, den in Brandenburg erzeugten Strom stärker vor Ort zu nutzen. Die Bevölkerung müsse nach seiner Auffassung stärker von der Energieproduktion im eigenen Land profitieren, statt vor allem die Lasten des Ausbaus zu tragen.

Gerade in der Lausitz ist das Thema von großer Bedeutung. Die Region soll sich vom traditionellen Braunkohlerevier zu einem modernen Energie- und Industriestandort entwickeln. Dafür braucht sie nicht nur neue Windräder, Solarparks, Speicher und Wasserstoffprojekte, sondern vor allem bezahlbare und langfristig planbare Strompreise.

Niedrigere Preise könnten zum Standortvorteil werden

Für energieintensive Betriebe sind die Stromkosten ein entscheidender Standortfaktor. Stahlindustrie, Chemieunternehmen, Rechenzentren und moderne Produktionsbetriebe benötigen dauerhaft große Mengen Energie.

Eine regionale oder grenzüberschreitende Strompreiszone könnte theoretisch dazu führen, dass günstiger produzierter Strom stärker vor Ort genutzt wird. Ob die Preise tatsächlich deutlich sinken würden, hängt jedoch von der konkreten Ausgestaltung, den europäischen Strommarktregeln und dem Zustand der Stromnetze ab.

Umsetzung ist politisch und technisch schwierig

Deutschland verfügt derzeit über eine einheitliche Stromgebotszone. Eine Aufteilung oder Neuordnung ist politisch umstritten. Besonders süddeutsche Länder befürchten höhere Preise, falls Regionen mit großer Stromproduktion eigene Preisvorteile erhalten.

Hinzu kommen technische Fragen: Strompreise richten sich nicht allein danach, wo Wind- oder Solarenergie erzeugt wird. Netzausbau, Transportkapazitäten, Nachfrage, Speicher und der europäische Stromhandel spielen ebenfalls eine wichtige Rolle.

Die Brandenburger Initiative ist deshalb zunächst vor allem ein politisches Signal. Woidke erhöht den Druck, die Interessen jener Regionen stärker zu berücksichtigen, die einen erheblichen Teil der Energiewende tragen.

Kommentar: Wer Energie liefert, muss auch profitieren

Brandenburg stellt Flächen bereit, baut Stromleitungen aus und akzeptiert tausende Windkraft- und Solaranlagen. Trotzdem sehen viele Bürger und Unternehmen diesen Beitrag nicht auf ihrer Stromrechnung.

Das sorgt verständlicherweise für Unmut. Eine Energiewende, bei der die Erzeugerregionen vor allem Belastungen tragen, während der wirtschaftliche Vorteil anderswo ankommt, verliert auf Dauer an Akzeptanz.

Woidkes Vorstoß verdient deshalb eine ernsthafte Prüfung. Entscheidend ist nicht, ob am Ende exakt dieses Modell umgesetzt wird. Entscheidend ist, dass Brandenburg und die anderen ostdeutschen Energieländer endlich einen spürbaren Vorteil aus ihrer Leistung erhalten.