Sachsen und die italienische Region Sardinien wollen im Wettbewerb um das europäische Einstein-Teleskop künftig gemeinsam auftreten. Führende deutsche und italienische Forschungseinrichtungen unterzeichneten am 17. Juli 2026 im sardischen Nuoro eine Kooperationsvereinbarung und beschlossen damit eine gemeinsame Bewerbung.

Auf deutscher Seite wird die Zusammenarbeit von der Technischen Universität Dresden und dem Karlsruher Institut für Technologie getragen. Die Partner verfolgen eine sogenannte Doppel-L-Konfiguration: Statt nur eines unterirdischen Detektors sollen zwei miteinander verbundene L-förmige Anlagen an den Standorten Lausitz und Sardinien entstehen.

Zwei Regionen wollen gemeinsam ins Rennen gehen

Noch zu Beginn des Jahres galten Sachsen und Sardinien vor allem als eigenständige Bewerber. Im Januar hatten beide Regionen zunächst eine Absichtserklärung zur engeren Zusammenarbeit unterzeichnet. Das neue Abkommen macht daraus nun eine konkrete gemeinsame Bewerbung.

Die Arbeitsteilung soll wissenschaftliche, geologische und technologische Vorteile beider Regionen verbinden. Sardinien bringt den früheren Bergbaustandort Sos Enattos ein. Sachsen setzt auf den stabilen Granituntergrund der Lausitz, dessen Eignung derzeit in einer Machbarkeitsstudie untersucht wird.

Unterirdische Anlage soll Gravitationswellen messen

Das Einstein-Teleskop ist als europäisches Gravitationswellen-Observatorium der dritten Generation geplant. Die Anlage soll deutlich empfindlicher sein als heutige Detektoren und unter anderem Kollisionen schwarzer Löcher sowie verschmelzende Neutronensterne beobachten.

Da selbst kleinste Bodenbewegungen die Messungen stören könnten, soll das Observatorium tief unter der Erde errichtet werden. Die Lausitz gilt wegen ihres ruhigen, stabilen Granitgesteins als aussichtsreicher Standort. Eine endgültige Entscheidung über die europäische Standortwahl wird für 2027 erwartet.

Lausitz ist jüngster offizieller Bewerber

Neben der Lausitz und Sardinien bewirbt sich die Euregio Maas-Rhein im Grenzgebiet von Deutschland, Belgien und den Niederlanden. Die Lausitz wurde erst 2025 offiziell als dritter Standortkandidat anerkannt.

Mit der gemeinsamen Bewerbung könnten Sachsen und Sardinien ihre bisherigen Einzelinteressen bündeln und eine Alternative zur Bewerbung aus der Euregio schaffen. Ob die verteilte Lösung technisch, wirtschaftlich und politisch überzeugt, wird von den weiteren Prüfungen abhängen.

Forschungsprojekt mit Milliardenvolumen

Die internationale Einstein-Telescope-Organisation beziffert das derzeit geschätzte Investitionsvolumen des Gesamtprojekts auf rund zwei Milliarden Euro. Die endgültigen Kosten hängen allerdings von der gewählten Bauform, den Standorten und der Finanzierung ab.

Für die Lausitz wäre die Ansiedlung weit mehr als ein wissenschaftliches Prestigeprojekt. Bereits während der Planungs- und Bauphase würden Unternehmen aus dem Tunnelbau, der Vakuumtechnik, der Mikroelektronik und der Präzisionsmesstechnik benötigt.

Später könnte ein internationales Forschungsumfeld mit Bedarf an Hochleistungsrechnen, künstlicher Intelligenz, Datenverarbeitung und Optoelektronik entstehen. Die sächsische Staatsregierung sieht darin Chancen für neue technologische Anwendungen und eine stärkere Vernetzung von Wissenschaft und Wirtschaft.

Strukturwandel soll auf Wissenschaft setzen

Die Lausitz befindet sich seit dem beschlossenen Kohleausstieg in einem tiefgreifenden wirtschaftlichen Umbau. Neben Industrieansiedlungen setzt Sachsen verstärkt auf Großforschung. In Görlitz entsteht bereits das Deutsche Zentrum für Astrophysik.

Das Einstein-Teleskop könnte diesen Kurs erheblich verstärken. Internationale Wissenschaftler, spezialisierte Zulieferer und neue Studienangebote würden die Region langfristig aufwerten. Die TU Dresden plant unter anderem neue Ausbildungsangebote im Bereich Astrophysik und technologische Methoden.

Noch ist die Entscheidung nicht gefallen

Trotz der Euphorie bleibt die Bewerbung offen. Entscheidend sind nicht nur politische Unterstützung und wirtschaftliche Erwartungen. Geologie, seismische Ruhe, Baukosten, Umweltverträglichkeit und wissenschaftlicher Nutzen müssen in einem europäischen Auswahlverfahren gegeneinander abgewogen werden.

Auch die Finanzierung des Gesamtprojekts ist noch nicht abschließend festgelegt. Der Begriff „Milliardenprojekt“ beschreibt daher die erwartete Größenordnung, nicht bereits beschlossene Ausgaben für die Lausitz.

Eine historische Chance für den Osten

Gelingt die Bewerbung, könnte die Lausitz zu einem der wichtigsten europäischen Standorte der Grundlagenforschung werden. Nach Jahrzehnten des Kohleabbaus würde die Region nicht nur einen wirtschaftlichen Strukturwandel vollziehen, sondern sich auch international als Wissenschaftsstandort etablieren.

Die gemeinsame Bewerbung mit Sardinien erhöht die Sichtbarkeit Sachsens. Sie ist aber noch kein Zuschlag. Nun müssen die beteiligten Einrichtungen nachweisen, dass die Doppel-L-Lösung wissenschaftlich überzeugt, technisch umsetzbar und langfristig finanzierbar ist.