Die Zukunft des Eisenbahndampffährschiffs „Stralsund“ im Wolgaster Stadthafen ist offen. Die Stadt sucht einen neuen Betreiber, weil der bisherige Förderverein seine Tätigkeit zum Ende des Jahres 2026 aufgibt. Ab Januar 2027 soll ein neuer Partner Verantwortung für das historische Schiff übernehmen.

Die Stadtvertretung hat inzwischen beschlossen, ein Interessenbekundungsverfahren einzuleiten. Gesucht wird kein kurzfristiger Veranstalter, sondern ein tragfähiges Konzept für die langfristige Nutzung und den Erhalt des technischen Kulturdenkmals. Nach den Vorstellungen der Stadt soll die „Stralsund“ künftig als maritimer Kultur- und Erlebnisort im Stadthafen genutzt werden.

Förderverein gibt das Schiff aus Altersgründen zurück

Der Förderverein Dampf-Eisenbahnfährschiff „Stralsund“ kümmert sich seit 2014 um den Erhalt des Schiffes. Ehrenamtliche Mitglieder ermöglichten Besichtigungen, führten Besucher durch Maschinenräume und Arbeitsbereiche und machten damit ein wichtiges Stück regionaler Verkehrs- und Industriegeschichte zugänglich.

Nach Angaben des NDR geben die Vereinsmitglieder das Schiff vor allem aus Altersgründen an die Stadt zurück. Damit endet eine jahrelange Phase, in der der Betrieb wesentlich vom persönlichen Einsatz weniger Ehrenamtlicher getragen wurde.

Ältestes erhaltenes Eisenbahndampffährschiff der Welt

Die „Stralsund“ wurde 1890 bei der Schichau-Werft im damaligen Elbing gebaut. Sie gilt als das älteste noch erhaltene Eisenbahndampffährschiff der Welt. Ursprünglich war sie für die Fährverbindung zwischen Stralsund und Altefähr auf Rügen vorgesehen. Später wurde sie unter anderem zwischen Usedom und Wollin sowie in Wolgast eingesetzt.

Das Schiff konnte Eisenbahnwagen und mehrere Hundert Reisende befördern. Zuletzt war es bis 1990 regulär auf der Verbindung Wolgast Hafen–Wolgaster Fähre im Einsatz. Seit 1992 befindet sich das Schiff im Eigentum der Stadt Wolgast.

Neues Konzept soll mehr als Besichtigungen bieten

Aus dem Interessenbekundungsverfahren geht hervor, dass die Stadt eine Weiterentwicklung des bisherigen Museumsbetriebs anstrebt. Denkbar sind Ausstellungen, Veranstaltungen, Bildungsangebote, maritime Kulturprojekte oder touristische Formate. Entscheidend ist, dass das Schiff dauerhaft erhalten und weiterhin für die Öffentlichkeit zugänglich bleibt.

Ein neuer Betreiber müsste deshalb mehrere Aufgaben miteinander verbinden:

  • technische und denkmalgerechte Erhaltung,
  • regelmäßige Öffnung für Besucher,
  • Entwicklung eines wirtschaftlich tragfähigen Nutzungskonzepts,
  • Zusammenarbeit mit Stadt, Denkmalschutz und touristischen Partnern,
  • Einbindung von Ehrenamt und regionalen Vereinen.

Gerade der bauliche und technische Unterhalt eines mehr als 130 Jahre alten Schiffes dürfte eine große Herausforderung werden.

Wolgast braucht einen verlässlichen Partner

Die Stadt ist Eigentümerin des Schiffes und kann dessen Zukunft nicht allein durch kurzfristige Zuschüsse sichern. Gesucht wird daher ein Partner, der Fachwissen, organisatorische Erfahrung und ein belastbares Finanzierungskonzept mitbringt.

Infrage kommen etwa ein neuer Förderverein, eine Stiftung, ein Museums- oder Kulturträger, ein touristischer Betreiber oder eine Kooperation mehrerer Partner. Auch die Verbindung aus öffentlicher Förderung, Eintrittseinnahmen, Veranstaltungen, Spenden und ehrenamtlicher Arbeit wäre denkbar.

Entscheidend wird sein, dass der künftige Betreiber das Schiff nicht nur als Veranstaltungsfläche betrachtet. Die historische Technik und der Charakter als Eisenbahnfähre müssen im Mittelpunkt bleiben.

Ein wichtiges Stück Wolgaster Geschichte

Die „Stralsund“ ist eng mit der Geschichte Wolgasts und der Verbindung zur Insel Usedom verbunden. Bevor die heutige Peenebrücke den durchgehenden Bahnverkehr ermöglichte, wurden Eisenbahnwagen mit der Fähre über den Peenestrom transportiert.

Damit steht das Schiff für eine Zeit, in der Eisenbahn, Schifffahrt und Hafenbetrieb unmittelbar miteinander verbunden waren. Für Wolgast ist es deshalb nicht nur ein altes Schiff, sondern ein sichtbares Zeugnis der regionalen Industrie- und Verkehrsgeschichte.

Potenzial für Tourismus und Bildung

Das Schiff kann künftig stärker in den Tourismus der Stadt eingebunden werden. Wolgast gilt als Tor zur Insel Usedom, wird von vielen Reisenden aber häufig nur durchquert. Ein attraktiver maritimer Kulturort im Stadthafen könnte Besucher länger in der Stadt halten.

Besonders geeignet wären Angebote für Schulen, Familien, Technikinteressierte und Eisenbahnfreunde. Führungen durch Maschinenräume, Ausstellungen zur Fährgeschichte oder Veranstaltungen zur Entwicklung des regionalen Bahnverkehrs könnten das Schiff zu einem eigenständigen Besuchsziel machen.

Ohne Engagement droht schleichender Verfall

Historische Schiffe verursachen unabhängig von ihrer Nutzung laufende Kosten. Rumpf, Deck, Maschinen, Leitungen und Innenräume müssen regelmäßig kontrolliert und erhalten werden. Bleibt ein Betreiber aus, drohen eingeschränkte Öffnungszeiten und langfristig Schäden an der Substanz.

Die Suche nach einer Nachfolge ist deshalb nicht nur eine organisatorische Frage. Sie entscheidet darüber, ob das Schiff weiterhin öffentlich erlebbar bleibt oder lediglich als geschlossenes Denkmal im Hafen liegt.

Wolgast darf dieses Denkmal nicht verlieren

Die „Stralsund“ ist kein austauschbares Museumsschiff. Sie ist ein einzigartiges technisches Denkmal und ein Teil der Identität Wolgasts.

Der bisherige Förderverein hat über Jahre eine Aufgabe übernommen, die ohne Ehrenamt kaum zu bewältigen gewesen wäre. Dafür verdient er Anerkennung. Nun darf die Verantwortung jedoch nicht einfach auf den nächsten kleinen Kreis engagierter Rentner übertragen werden.

Die Stadt braucht ein professionelles, finanziell belastbares und zugleich denkmalgerechtes Konzept. Land und Bund sollten prüfen, wie sie den Erhalt unterstützen können. Ein Denkmal von internationaler Bedeutung darf nicht allein von Eintrittsgeldern und freiwilliger Arbeit abhängen.