Der Schiefe Turm von Bad Frankenhausen ist nach jahrelanger Planung, Sicherung und touristischer Erschließung wieder für Besucher geöffnet. Gemeinsam mit einem neuen Informationszentrum, einem Skywalk und digitalen Angeboten soll das auffällig geneigte Wahrzeichen künftig deutlich mehr Gäste in die Kurstadt und den Kyffhäuserkreis ziehen.

Die feierliche Eröffnung fand am Donnerstag, 25. Juni 2026, mit rund 200 geladenen Gästen statt. Seit Freitag, 26. Juni, ist die Anlage regulär zugänglich. Damit wurde ein Projekt abgeschlossen, das mehrfach verschoben worden war und zeitweise vor erheblichen baulichen und finanziellen Herausforderungen stand.

Neues Besucherzentrum ergänzt den historischen Turm

In die Grundmauern des ehemaligen Kirchenschiffs wurde ein zweigeschossiges Besucher-Informationszentrum eingebaut. Dort wird die Geschichte des Turms, seiner Schieflage und seiner Rettung mit modernen Mitteln vermittelt.

Zum Angebot gehören ein immersives Kino und digitale Anwendungen mit Virtual-Reality-Technik. Besucher sollen dadurch nachvollziehen können, wie sich der Turm über die Jahrhunderte neigte, weshalb der Untergrund problematisch ist und welche technischen Maßnahmen seinen Erhalt ermöglichten.

Das Besucherzentrum verbindet damit Denkmalpflege und moderne Vermittlung. Statt den Turm lediglich von außen zu betrachten, können Gäste künftig seine Baugeschichte, die geologischen Ursachen der Schieflage und die aufwendigen Sicherungsarbeiten kennenlernen.

Historische Holztreppe führt hinauf

Der Turm kann über seine historische Holztreppe bestiegen werden. Neu hinzugekommen ist ein sogenannter Skywalk, der Ausblicke auf das Bauwerk, die Stadt und das Kyffhäusergebirge ermöglicht.

Aus Sicherheitsgründen dürfen sich höchstens 15 Besucher gleichzeitig im Turm befinden. Nach Angaben der Stadt dauert der gesamte Rundgang einschließlich Besucherzentrum und Turmaufstieg ungefähr zwei Stunden. Eintrittskarten sollten möglichst vorab gebucht werden.

Das Besucherzentrum ist nach den veröffentlichten Angaben zwischen April und Oktober täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Von November bis März gelten verkürzte Öffnungszeiten von Dienstag bis Sonntag zwischen 10 und 17 Uhr. Führungen können derzeit auf Anfrage vereinbart werden.

Turm neigt sich stärker als sein berühmtes Vorbild in Pisa

Der Turm der ehemaligen Oberkirche gehört zu den bekanntesten Bauwerken Nordthüringens. Seine Spitze weicht nach Angaben der Stadt um 4,86 Meter von der Senkrechten ab. Der Überhang des Schiefen Turms von Pisa wird mit 3,92 Metern angegeben.

Damit ist das Bauwerk in Bad Frankenhausen in seiner seitlichen Abweichung stärker geneigt als das weltbekannte italienische Wahrzeichen. Die Stadt nutzt diesen Vergleich bewusst für das touristische Marketing.

Der etwa 56 Meter hohe Turm gehörte zur Oberkirche „Unserer Lieben Frauen am Berge“. Das Gotteshaus wurde im 14. Jahrhundert errichtet. Geologische Vorgänge im Untergrund führten später zu erheblichen Setzungen und zur zunehmenden Neigung.

Bereits 1908 wurde die Kirche aus Sicherheitsgründen geschlossen. Das Dach des Kirchenschiffs wurde in den 1960er-Jahren abgetragen. Erhalten blieben der Turm und Teile der Außenmauern.

Sicherung bewahrte das Wahrzeichen vor dem Abriss

Der Schiefe Turm stand mehrfach vor dem Abriss. Seine dauerhafte Sicherung begann 2015. Eine Konstruktion aus Stahlrohren und weiteren Verbindungselementen stabilisiert das Bauwerk und verhindert eine weitere gefährliche Bewegung.

Die Arbeiten an der Stützkonstruktion wurden Ende 2015 abgeschlossen. Bis 2016 folgte die Sanierung des äußeren Mauerwerks. Damit war der Turm zunächst baulich gerettet, aber noch nicht für einen regelmäßigen Besucherverkehr erschlossen.

Erst das anschließende Tourismusprojekt schuf die Voraussetzungen für den heutigen Zugang. Neben dem Besucherzentrum waren dafür Wege, Sicherheitseinrichtungen, Brandschutz, technische Anlagen und der Skywalk notwendig.

Rund 15 Millionen Euro investiert

Die touristische Erschließung kostete nach den zuletzt veröffentlichten Angaben rund 15 Millionen Euro. Etwa 80 Prozent der Summe wurden über Fördermittel finanziert. Die Stadt Bad Frankenhausen beteiligte sich mit eigenen Mitteln und nahm dafür auch Kredite auf.

Frühere Planungsstände hatten noch Gesamtkosten von rund 12,4 bis 12,8 Millionen Euro genannt. Durch Verzögerungen, weitere Arbeiten und Kostensteigerungen erhöhte sich die endgültige Investitionssumme.

Für eine Stadt dieser Größe ist das Projekt finanziell bedeutsam. Der Erfolg hängt deshalb nicht allein von der architektonischen Qualität ab. Entscheidend wird sein, ob genügend Gäste kommen und auch andere touristische Angebote der Stadt und Region nutzen.

Stadt erwartet jährlich bis zu 80.000 Besucher

Bad Frankenhausen rechnet mit bis zu 80.000 Besuchern pro Jahr. Der Schiefe Turm soll damit nicht nur ein Denkmal, sondern ein wirtschaftlicher Impulsgeber für die Kurstadt werden.

Von zusätzlichen Gästen können Hotels, Pensionen, Gaststätten, Einzelhandel und weitere Ausflugsziele profitieren. Das gilt besonders dann, wenn Besucher nicht nur für den Turm anreisen, sondern ihren Aufenthalt mit der Kyffhäuser-Therme, dem Panorama Museum oder Zielen im Kyffhäusergebirge verbinden.

Der Turm erweitert das touristische Profil Bad Frankenhausens um eine Attraktion, die sich deutlich von klassischen Kur- und Wellnessangeboten unterscheidet. Das Bauwerk verbindet Geschichte, Technik, Architektur und einen weithin sichtbaren Wiedererkennungswert.

Neue Attraktion für den Kyffhäuserkreis

Für den Kyffhäuserkreis besitzt die Eröffnung über die Stadtgrenzen hinaus Bedeutung. Nordthüringen steht im Wettbewerb um Tagesgäste, Kurzurlauber und Reisegruppen. Eine außergewöhnliche Sehenswürdigkeit kann zusätzliche Aufmerksamkeit auf eine Region lenken, die nicht zu den großen touristischen Zentren Deutschlands gehört.

Der Schiefe Turm lässt sich zudem mit anderen Zielen verbinden. Dazu zählen das Kyffhäuserdenkmal, das Panorama Museum, die Barbarossahöhle und die historische Landschaft rund um den Kyffhäuser.

Damit kann das Besucherzentrum nicht nur die Aufenthaltsdauer in Bad Frankenhausen verlängern. Es kann auch als Ausgangspunkt für weitere Reisen innerhalb des Landkreises dienen.

Bedeutung für den Erhalt historischer Bausubstanz

Das Projekt zeigt zugleich, welche Möglichkeiten und Risiken mit der Rettung historischer Großbauten verbunden sind. Der Turm war technisch schwierig zu sichern und über viele Jahre nicht touristisch nutzbar.

Ohne das Engagement von Stadt, Fördermittelgebern, Fachplanern, Handwerkern und ehrenamtlichen Unterstützern wäre der Erhalt kaum möglich gewesen. Besonders der Förderverein Oberkirche Bad Frankenhausen und die sogenannten Turmfalken setzten sich über Jahre für das Wahrzeichen ein.

Der Abschluss der Bauarbeiten bedeutet jedoch nicht, dass künftig keine Kosten mehr entstehen. Ein historisches Bauwerk benötigt dauerhaft Wartung, Kontrolle und fachgerechte Instandhaltung. Hinzu kommen Betriebskosten für Besucherzentrum, Technik und Personal.

Moderne Vermittlung soll auch jüngere Gäste erreichen

Mit Kino, virtuellen Darstellungen und interaktiven Angeboten richtet sich das Besucherzentrum nicht nur an klassische Kulturreisende. Auch Familien, Schulklassen und jüngere Besucher sollen angesprochen werden.

Digitale Technik kann komplizierte geologische und statische Zusammenhänge anschaulich erklären. Dabei kommt es darauf an, dass die Technik die historische Substanz ergänzt und nicht überdeckt.

Der eigentliche Mittelpunkt bleibt der Turm selbst: seine auffällige Neigung, seine jahrhundertealte Geschichte und die technische Leistung, die seinen Erhalt ermöglichte.

Wie es weitergeht

Nach der Eröffnung beginnt für die Stadt der reguläre Betrieb. In den kommenden Monaten wird sich zeigen, wie groß die tatsächliche Nachfrage ist und ob die erwarteten Besucherzahlen erreicht werden.

Wichtig werden verlässliche Öffnungszeiten, eine funktionierende Onlinebuchung, ausreichend Personal und eine gute Verbindung zu den weiteren touristischen Angeboten der Stadt sein.

Auch die Verkehrs- und Parkplatzsituation muss bei größeren Besucherzahlen beobachtet werden. Gerade für Reisegruppen und Gäste mit eingeschränkter Mobilität sind gute Zugänge entscheidend.

Mit der Wiedereröffnung des Schiefen Turms erhält Bad Frankenhausen sein bekanntestes Wahrzeichen als öffentlich zugängliche Sehenswürdigkeit zurück. Rund 15 Millionen Euro flossen in Besucherzentrum, Turmzugang, Skywalk und digitale Vermittlung.

Die Investition ist für die Kurstadt eine große wirtschaftliche und touristische Chance. Ob sich die Erwartungen von bis zu 80.000 Gästen pro Jahr erfüllen, entscheidet sich im laufenden Betrieb.

Unabhängig davon markiert die Eröffnung den erfolgreichen Abschluss einer jahrzehntelangen Rettungsgeschichte. Ein Bauwerk, das mehrfach vor dem Abriss stand, ist nun wieder zugänglich und erhält eine neue Aufgabe für Stadt und Region.