Eine Ausstellung in der Marienplatz-Galerie Schwerin erinnert vom 12. August bis 19. September 2026 an Kinder, die während der nationalsozialistischen Diktatur im Rahmen der sogenannten „Euthanasie“ ermordet wurden.
Die Wanderausstellung trägt den Titel „Im Gedenken der Kinder – Die Kinderärzte und die Verbrechen an Kindern in der NS-Zeit“. Sie thematisiert die Beteiligung von Ärzten an der systematischen Tötung kranker und behinderter Kinder.
Die Eröffnung findet am Mittwoch, 12. August 2026, um 18 Uhr im Beisein von Oberbürgermeister Sebastian Ehlers statt. Der Eintritt ist frei, die Ausstellung ist barrierefrei zugänglich.
Verbrechen an kranken und behinderten Kindern
Während der NS-Zeit wurden nach Angaben der Veranstalter im gesamten Deutschen Reich schätzungsweise 8.000 Kinder mit unterschiedlichen Erkrankungen ermordet.
Die Tötungen erfolgten in sogenannten Kinderfachabteilungen. Kinder wurden dort unter anderem durch Giftspritzen getötet oder für medizinische Versuche missbraucht.
Die nationalsozialistische Bezeichnung „Euthanasie“ verschleierte dabei gezielte Mordprogramme. Die Opfer wurden nach rassistischen und menschenverachtenden Kriterien als angeblich „lebensunwert“ eingestuft.
Tötungsanstalt befand sich auch in Schwerin
Auch Schwerin war ein Ort dieser Verbrechen.
Auf dem Sachsenberg befand sich eine Einrichtung, in der kranke und behinderte Kinder während der nationalsozialistischen Herrschaft getötet wurden.
Die Ausstellung stellt damit nicht nur ein gesamtdeutsches Verbrechen dar. Sie zeigt zugleich den direkten historischen Bezug zur Stadt Schwerin.
Die Geschichte der Opfer und der beteiligten Institutionen gehört damit auch zur lokalen Erinnerungskultur der Landeshauptstadt.
Kinderärzte waren an den Verbrechen beteiligt
Die Ausstellung thematisiert ausdrücklich die Rolle von Kinderärzten.
Mediziner waren nicht nur Mitwisser, sondern teilweise unmittelbar an Auswahl, Begutachtung und Tötung der Kinder beteiligt. Medizinisches Wissen wurde dabei in den Dienst einer menschenverachtenden Ideologie gestellt.
Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin hat sich mit dieser Geschichte auseinandergesetzt und Forschungsergebnisse für die Wanderausstellung aufbereitet.
Damit soll auch die Verantwortung medizinischer Institutionen und Berufsgruppen sichtbar gemacht werden.
Historische Krankenakten geben Opfern eine Stimme
Zur Eröffnung am 12. August werden Medizinstudierende sowie Ärztinnen und Ärzte Auszüge aus historischen Krankenakten ermordeter Kinder verlesen.
Die Dokumente machen die Opfer als einzelne Menschen sichtbar. Hinter statistischen Angaben stehen Kinder mit Namen, Familien, Lebensgeschichten und eigenen Hoffnungen.
Die Lesung soll verhindern, dass die Opfer nur als anonyme Zahl wahrgenommen werden.
Gleichzeitig stellt sie eine Verbindung zwischen heutiger medizinischer Ausbildung und der historischen Verantwortung des Berufsstandes her.
Ausstellung will Erinnerung wachhalten
Prof. Michael Radke, ehemaliger Direktor der Universitäts-Kinder- und Jugendklinik Rostock und Mitorganisator der Ausstellung, bezeichnet die Erinnerung als besondere Verpflichtung von Kinderärzten.
Den ermordeten Kindern müsse ein Gesicht und eine Stimme gegeben werden.
Die Aufarbeitung sei auch deshalb von Bedeutung, weil Ausgrenzung und radikale Vorstellungen weiterhin eine Gefahr für die Gesellschaft darstellten.
Die Ausstellung verbindet deshalb historische Dokumentation mit einer gegenwärtigen Mahnung gegen die Abwertung von Menschen aufgrund von Krankheit, Behinderung oder Herkunft.
Medizin ohne Menschlichkeit
Die nationalsozialistischen Medizinverbrechen zeigen, welche Folgen es haben kann, wenn ärztliches Handeln nicht mehr dem Schutz des einzelnen Menschen verpflichtet ist.
Kinder wurden nicht als Patienten behandelt, sondern nach ihrer vermeintlichen „Nützlichkeit“ bewertet.
Diagnosen, Gutachten und Krankenakten dienten nicht allein der Behandlung, sondern wurden als Instrumente von Ausgrenzung und Verfolgung missbraucht.
Die Ausstellung macht deutlich, dass medizinische Fachkenntnis ohne ethische Verantwortung zu einem Werkzeug staatlicher Gewalt werden kann.
Erinnerung mitten im öffentlichen Raum
Mit der Marienplatz-Galerie wurde bewusst ein öffentlich zugänglicher Ort gewählt.
Die Ausstellung findet nicht in einem abgeschlossenen Fachmuseum statt, sondern mitten im Alltag der Stadt. Dadurch können auch Menschen erreicht werden, die nicht gezielt eine historische Ausstellung besuchen würden.
Die Tafeln und Dokumente sollen zum Innehalten und zur Auseinandersetzung mit der Geschichte anregen.
Der freie Eintritt und die barrierefreie Gestaltung ermöglichen einen möglichst niedrigschwelligen Zugang.
Bedeutung für Schulen und junge Menschen
Die Ausstellung eignet sich besonders für Schulklassen, Studierende und Auszubildende in medizinischen und sozialen Berufen.
Sie vermittelt nicht nur historische Fakten, sondern wirft grundlegende Fragen auf:
- Welchen Wert besitzt jedes menschliche Leben?
- Welche Verantwortung tragen Ärzte und Pflegekräfte?
- Wie beginnt die Ausgrenzung von Menschen?
- Welche Rolle spielen Sprache, Diagnosen und staatliche Vorgaben?
- Wie können Berufsgruppen Widerstand gegen unmenschliche Entscheidungen leisten?
Diese Fragen reichen über die Geschichte des Nationalsozialismus hinaus.
Verantwortung der Medizin heute
Die Auseinandersetzung mit den Verbrechen besitzt auch für die heutige Medizin Bedeutung.
Ärzte müssen Patienten unabhängig von Alter, Behinderung, Herkunft oder sozialem Status mit Würde behandeln. Entscheidungen über Therapien und Pflege dürfen nicht allein nach wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Kriterien getroffen werden.
Die Erinnerung an die Opfer mahnt deshalb zu einer Medizin, die den einzelnen Menschen in den Mittelpunkt stellt.
Dazu gehören auch der Schutz besonders verletzlicher Gruppen und eine kritische Auseinandersetzung mit institutioneller Macht.
Keine abstrakte Vergangenheit
Die Ausstellung zeigt, dass die Verbrechen nicht fernab der Gesellschaft stattfanden.
Sie wurden in Kliniken, Pflegeeinrichtungen und medizinischen Institutionen begangen. Ärzte, Pfleger, Verwaltungsmitarbeiter und Behörden waren beteiligt.
Viele Taten wurden bürokratisch vorbereitet und mit medizinischer Sprache verschleiert.
Gerade diese scheinbare Normalität macht die Geschichte besonders erschreckend. Sie zeigt, wie sich staatlich organisierte Gewalt innerhalb bestehender Institutionen entwickeln konnte.
Die wichtigsten Angaben
Ausstellung: „Im Gedenken der Kinder – Die Kinderärzte und die Verbrechen an Kindern in der NS-Zeit“
Zeitraum: 12. August bis 19. September 2026
Eröffnung: Mittwoch, 12. August 2026, 18 Uhr
Ort: Marienplatz-Galerie Schwerin
Eintritt: frei
Zugang: barrierefrei
Inhalt: NS-„Euthanasie“, Kindermorde und Beteiligung von Kinderärzten
Die Ausstellung in der Marienplatz-Galerie erinnert an eines der schwersten Kapitel nationalsozialistischer Medizinverbrechen.
Tausende kranke und behinderte Kinder wurden systematisch ermordet. Auch auf dem Schweriner Sachsenberg befand sich eine entsprechende Einrichtung.
Mit historischen Dokumenten, Forschungsergebnissen und der Verlesung von Krankenakten gibt die Ausstellung den Opfern ihre Individualität zurück. Zugleich mahnt sie, Menschenwürde und medizinische Verantwortung auch in der Gegenwart entschlossen zu schützen.