Die Stimmung in der ostdeutschen Wirtschaft hat sich im Juni 2026 leicht verbessert. Der Geschäftsklimaindex des ifo Instituts stieg von 87 Punkten im Mai auf 88 Punkte. Die befragten Unternehmen bewerteten ihre aktuelle Lage deutlich günstiger und äußerten sich auch etwas zuversichtlicher über die kommenden Monate. Ein kräftiger Aufschwung ist daraus jedoch noch nicht abzuleiten.
Vor allem der Einzelhandel und Teile des Dienstleistungssektors melden eine bessere Geschäftslage. In Industrie und Bauwirtschaft bleibt die Entwicklung dagegen verhalten. Hohe Energiepreise, schwache Investitionen, internationale Handelsrisiken und der Fachkräftemangel belasten viele Betriebe.
Geschäftsklima steigt auf 88 Punkte
Das ifo Geschäftsklima für Ostdeutschland basiert auf den regelmäßigen Meldungen von rund 1.700 Unternehmen aus dem Verarbeitenden Gewerbe, dem Dienstleistungssektor, dem Handel und dem Bauhauptgewerbe.
Im Juni erhöhte sich der Index um einen Punkt. Die Unternehmen beurteilten insbesondere ihre laufenden Geschäfte besser als im Vormonat. Auch die Erwartungen für die kommenden sechs Monate wurden etwas angehoben.
Der Anstieg folgt auf eine leichte Verbesserung im Mai. Damals war der Index von 86,3 auf 86,9 Punkte gestiegen. Damit hat sich die Stimmung in zwei aufeinanderfolgenden Monaten aufgehellt.
Die Werte liegen dennoch auf einem niedrigen Niveau. Viele Unternehmen sehen zwar erste Anzeichen einer Stabilisierung, rechnen aber noch nicht mit einer breiten und kräftigen wirtschaftlichen Erholung.
Einzelhandel und Dienstleistungen erholen sich
Besonders im Einzelhandel bewerteten die Unternehmen ihre aktuelle Geschäftslage positiver. Dazu können eine stabilere Nachfrage, saisonale Effekte und eine vorsichtige Verbesserung der Verbraucherstimmung beigetragen haben.
Auch der Dienstleistungssektor meldete eine günstigere Lage. Er umfasst eine große Spannweite von Unternehmensdienstleistungen über Verkehr, Gastronomie und Tourismus bis zu technischen und persönlichen Dienstleistungen.
Für Ostdeutschland ist diese Entwicklung bedeutsam, weil Dienstleistungen inzwischen einen großen Teil der regionalen Beschäftigung ausmachen. Gleichzeitig bleiben viele Anbieter von der Kaufkraft der privaten Haushalte und der Investitionsbereitschaft anderer Unternehmen abhängig.
Industrie bleibt vorsichtig
Im Verarbeitenden Gewerbe ist die Lage uneinheitlich. Einige Unternehmen hoffen auf bessere Aufträge, während andere weiterhin unter hohen Kosten, schwacher Auslandsnachfrage und dem industriellen Strukturwandel leiden.
Besonders energieintensive Betriebe reagieren empfindlich auf steigende Strom-, Gas- und Rohstoffpreise. Das betrifft unter anderem Metallverarbeitung, Glasindustrie, Chemie, Baustoffproduktion und Teile des Maschinenbaus.
Viele dieser Branchen haben in Ostdeutschland eine hohe regionale Bedeutung. Größere Werke sichern nicht nur direkte Arbeitsplätze, sondern Aufträge für Handwerker, Zulieferer, Speditionen und technische Dienstleister.
Fällt die Produktion an einem Standort zurück, wirkt sich das deshalb häufig weit über das betroffene Unternehmen hinaus aus.
Bauwirtschaft kommt nur langsam aus der Krise
Besonders angespannt bleibt die Lage in der Bauwirtschaft. Das ifo Institut rechnet für das ostdeutsche Baugewerbe 2026 mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 0,8 Prozent. Erst 2027 wird wieder ein Wachstum von 1,6 Prozent erwartet.
Hohe Finanzierungskosten, gestiegene Baupreise und unsichere Förderbedingungen haben vor allem den Wohnungsbau gebremst. Private Bauherren verschieben Projekte, Wohnungsunternehmen rechnen Vorhaben neu und Kommunen müssen Investitionen wegen knapper Haushalte priorisieren.
Für das ostdeutsche Handwerk hat das unmittelbare Folgen. Maurer, Dachdecker, Installateure, Elektriker, Fensterbauer und zahlreiche weitere Betriebe sind auf eine verlässliche Nachfrage aus Neubau und Sanierung angewiesen.
Öffentliche Infrastrukturprogramme könnten die Branche stützen. Voraussetzung ist jedoch, dass Mittel tatsächlich bei Städten, Gemeinden und Unternehmen ankommen und Genehmigungs- sowie Vergabeverfahren nicht zu weiteren Verzögerungen führen.
Ostdeutsche Wirtschaft soll um 0,7 Prozent wachsen
Für das Gesamtjahr 2026 erwartet die Dresdner Niederlassung des ifo Instituts ein Wachstum der ostdeutschen Wirtschaftsleistung von 0,7 Prozent. Für 2027 werden 0,8 Prozent prognostiziert.
Damit wächst die Wirtschaft voraussichtlich, bleibt aber deutlich hinter einer kräftigen Erholung zurück. Die Prognose wird außerdem von erheblichen Unsicherheiten begleitet.
Das Institut verweist vor allem auf die gestiegenen Energiepreise infolge internationaler Konflikte. Diese verteuern Produktion, Transport und private Lebenshaltung und nehmen den Haushalten Kaufkraft.
Auch die deutsche Wirtschaft insgesamt soll 2026 nach der ifo-Prognose nur um 0,8 Prozent wachsen. Der Energiepreisschock könnte das Wachstum in diesem und im kommenden Jahr jeweils um rund 0,4 Prozentpunkte dämpfen.
Berlin und Brandenburg treiben einen Teil des Wachstums
Innerhalb Ostdeutschlands entwickelt sich die Wirtschaft nicht überall gleich. Positive Impulse erwartet das ifo Institut besonders in Berlin und im brandenburgischen Umland.
Die Hauptstadtregion profitiert von Dienstleistungen, Forschung, Technologieunternehmen und größeren Industrieansiedlungen. Auch der Bevölkerungszuwachs rund um Berlin stärkt Bau, Handel und regionale Dienstleistungen.
Sachsen soll 2026 dagegen nur um 0,5 Prozent wachsen. Die Erholung fällt damit schwächer aus als im ostdeutschen Durchschnitt.
Dabei hat sich das sächsische Geschäftsklima zuletzt deutlich verbessert. Der entsprechende Index stieg von 89,3 Punkten im Mai auf 91,5 Punkte im Juni. Besonders optimistischer zeigten sich die Unternehmen bei ihren Erwartungen für die kommenden Monate.
Die bessere Stimmung bedeutet jedoch nicht automatisch, dass Aufträge, Produktion und Beschäftigung bereits im gleichen Umfang zunehmen.
Beschäftigung könnte zurückgehen
Trotz des erwarteten Wirtschaftswachstums rechnet das ifo Institut für Ostdeutschland mit einem Rückgang der Zahl der Erwerbstätigen. Für 2026 wird ein Minus von etwa 0,4 Prozent erwartet.
Dahinter stehen mehrere Entwicklungen. In einzelnen Branchen werden Stellen abgebaut, während andere Unternehmen freie Arbeitsplätze wegen fehlender Bewerber nicht besetzen können.
Der demografische Wandel verschärft diese Situation. In vielen Landkreisen erreichen mehr Beschäftigte das Rentenalter, als junge Menschen in den Arbeitsmarkt eintreten.
Für Betriebe bedeutet das, dass ein schwaches Wirtschaftswachstum und ein zunehmender Arbeitskräftemangel gleichzeitig auftreten können. Unternehmen haben möglicherweise weniger Aufträge, finden aber dennoch nicht genügend Fachkräfte für spezialisierte Tätigkeiten.
Mittelstand braucht verlässliche Bedingungen
Für kleine und mittlere Unternehmen ist weniger die Entwicklung eines einzelnen Indexwertes entscheidend als die Planbarkeit ihrer Kosten und Aufträge.
Viele Betriebe benötigen Klarheit bei Energiepreisen, Steuern, Förderprogrammen und gesetzlichen Vorgaben. Häufige Änderungen erhöhen den Verwaltungsaufwand und erschweren Investitionsentscheidungen.
Auch langsame Genehmigungen und komplizierte Vergabeverfahren belasten den Mittelstand. Während große Unternehmen eigene Rechts- und Verwaltungsabteilungen besitzen, müssen kleinere Betriebe viele Aufgaben zusätzlich zum Tagesgeschäft erledigen.
Eine wirtschaftliche Erholung hängt deshalb nicht allein von staatlichen Fördermitteln ab. Ebenso wichtig sind schnellere Verfahren, erreichbare Verwaltungen und langfristig verlässliche Rahmenbedingungen.
Infrastruktur bleibt ein Standortfaktor
Straßen, Schienenwege, digitale Netze und eine stabile Energieversorgung entscheiden wesentlich darüber, ob Unternehmen in einer Region investieren.
Ostdeutsche Städte und Landkreise haben in den vergangenen Jahrzehnten große Fortschritte bei der Infrastruktur gemacht. Dennoch bestehen weiterhin Lücken, besonders bei Bahnverbindungen, Brücken, kommunalen Straßen und schnellen Internetanschlüssen in ländlichen Gebieten.
Für einen Handwerksbetrieb kann eine gesperrte Brücke ebenso wirtschaftlich relevant sein wie für einen Industriekonzern eine fehlende Bahnverbindung. Längere Fahrzeiten erhöhen Kosten und erschweren die Suche nach Beschäftigten.
Die angekündigten öffentlichen Investitionen können deshalb einen spürbaren Wachstumsbeitrag leisten. Entscheidend ist, dass Projekte zügig geplant und umgesetzt werden.
Wirtschaftliche Unterschiede innerhalb des Ostens
Der Begriff ostdeutsche Wirtschaft umfasst sehr unterschiedliche Regionen. Berlin, das Umland der Hauptstadt, Leipzig, Dresden und Jena entwickeln sich anders als viele ländliche Kreise.
Starke Hochschul- und Forschungsstandorte ziehen Unternehmen und Fachkräfte an. Industrieregionen profitieren von bestehenden Lieferketten und qualifizierten Beschäftigten, sind aber zugleich stärker von internationalen Märkten abhängig.
Ländliche Gebiete besitzen häufig leistungsfähige Handwerks- und Mittelstandsbetriebe, kämpfen jedoch stärker mit Bevölkerungsrückgang, Nachfolgeproblemen und langen Verkehrswegen.
Eine einheitliche Wirtschaftspolitik für alle ostdeutschen Regionen greift deshalb zu kurz. Förderprogramme müssen die jeweilige Wirtschaftsstruktur, Entfernung zu Absatzmärkten und kommunale Leistungsfähigkeit berücksichtigen.
Wie es weitergeht
Die nächste Entwicklung des Geschäftsklimas wird zeigen, ob die bessere Stimmung anhält oder nur eine vorübergehende Stabilisierung war.
Entscheidend werden die Energiepreise, die internationale Nachfrage und die Umsetzung staatlicher Investitionsprogramme sein. Auch die Entwicklung der privaten Kaufkraft spielt für Handel, Handwerk und Dienstleistungen eine wichtige Rolle.
Für Unternehmen bleibt das Umfeld anspruchsvoll. Die Erwartungen verbessern sich, aber viele Betriebe verfügen noch nicht über ausreichend Aufträge, um umfangreiche Investitionen oder Neueinstellungen zu planen.
Die ostdeutsche Wirtschaft zeigt erste Anzeichen einer Erholung. Der ifo Geschäftsklimaindex ist im Juni auf 88 Punkte gestiegen, und die Unternehmen bewerten ihre Lage sowie ihre Aussichten etwas besser.
Die Verbesserung ist jedoch noch kein breiter Aufschwung. Bauwirtschaft und Industrie bleiben belastet, das erwartete Wachstum beträgt lediglich 0,7 Prozent und die Zahl der Erwerbstätigen könnte sinken.
Für eine dauerhafte Erholung benötigen die Unternehmen vor allem verlässliche Energiepreise, weniger bürokratische Belastungen, funktionierende Infrastruktur und eine Investitionspolitik, die auch den Mittelstand und die ländlichen Regionen erreicht.