Die Fachstelle Antisemitismus Brandenburg hat für das Jahr 2025 insgesamt 461 antisemitische Vorfälle im Land dokumentiert. Das waren 23 Fälle weniger als 2024. Trotz dieses leichten Rückgangs bleibt die Zahl nach Einschätzung der Fachstelle auf einem sehr hohen Niveau.

Gegenüber 2022 hat sich die Zahl der erfassten Vorfälle mehr als verdoppelt. Damals waren 204 Fälle dokumentiert worden. Die Fachstelle spricht deshalb von einer dauerhaften Verschiebung seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023.

Der Monitoringbericht wurde am Montag gemeinsam mit dem brandenburgischen Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt vorgestellt. Die Fachstelle bestätigt auf ihrer Internetseite die Veröffentlichung und die Zahl von 461 dokumentierten Vorfällen.

Antisemitismus zeigt sich zunehmend offen

Nach Darstellung der Fachstelle wird Antisemitismus in Brandenburg nicht nur häufiger sichtbar, sondern zunehmend unverhohlen geäußert. Der öffentliche Raum und digitale Plattformen bleiben zentrale Orte antisemitischer Äußerungen und Handlungen.

Die dokumentierten Fälle reichen von beleidigenden oder ausgrenzenden Äußerungen über Bedrohungen bis zu körperlichen Angriffen. Auch Gedenkorte, Bildungseinrichtungen, Straßen, öffentliche Verkehrsmittel und das persönliche Wohnumfeld können betroffen sein.

Staatssekretär Johannes Wagner erklärte bei der Vorstellung des Berichts, Antisemitismus werde öffentlicher und unverhohlener. Er forderte ein gemeinsames und entschiedenes Vorgehen gegen Judenhass.

Angriffe und Bedrohungen haben zugenommen

Der größte Teil der registrierten Vorfälle wurde als verletzendes Verhalten eingeordnet. Gleichzeitig dokumentierte die Fachstelle für 2025 insgesamt 18 Angriffe und 58 Bedrohungen.

Damit nahm die Zahl besonders schwerwiegender Vorfälle gegenüber dem Vorjahr zu. Die Entwicklung ist für jüdische Menschen und Einrichtungen von besonderer Bedeutung, weil sie über beleidigende Äußerungen hinaus unmittelbare Gefahren und Einschränkungen des Alltags umfasst.

Der Bericht beschreibt nach Angaben der Fachstelle anhand konkreter Betroffenenperspektiven, wie antisemitische Erfahrungen das Sicherheitsgefühl und die gesellschaftliche Teilhabe jüdischer Menschen beeinflussen.

Rechtsextremer Hintergrund bei fast jedem zweiten Fall

Bei 208 der insgesamt 461 dokumentierten Vorfälle ordnete die Fachstelle einen rechtsextremen oder rechtspopulistischen Hintergrund zu. Das entspricht 45,1 Prozent aller erfassten Fälle.

Damit bleibt Rechtsextremismus der häufigste erkennbare politische oder weltanschauliche Hintergrund. Gleichzeitig tritt Antisemitismus nicht ausschließlich in einem politischen Milieu auf. Er kann sich auch in verschwörungsideologischen, islamistischen, antiisraelischen oder anderen gesellschaftlichen Zusammenhängen zeigen.

Bereits der Monitoringbericht für 2024 hatte Rechtsextremismus als dominierenden Hintergrund ausgewiesen. Damals wurden 213 Vorfälle diesem Spektrum zugeordnet.

Post-Shoah-Antisemitismus häufigste Erscheinungsform

Die Fachstelle ordnete 206 Fälle dem sogenannten Post-Shoah-Antisemitismus zu. Dazu gehören unter anderem die Verharmlosung oder Leugnung der nationalsozialistischen Verbrechen, die Umkehr von Täter- und Opferrollen sowie Angriffe auf die Erinnerung an den Holocaust.

Mit einem Anteil von 44,7 Prozent war dies die am häufigsten dokumentierte Erscheinungsform.

Daneben wurden 134 Fälle antisemitischen Otherings und 121 Fälle israelbezogenen Antisemitismus erfasst. Beim Othering werden jüdische Menschen als grundsätzlich fremd oder nicht zur Gesellschaft gehörend dargestellt.

Die verschiedenen Erscheinungsformen können sich in einzelnen Vorfällen überschneiden. Die genannten Kategorien dürfen deshalb nicht ohne Weiteres addiert und mit der Gesamtzahl verglichen werden.

Besonders viele Vorfälle in Oberhavel, Cottbus und Potsdam

Antisemitische Vorfälle wurden im gesamten Land Brandenburg dokumentiert. Besonders hohe Zahlen verzeichnete die Fachstelle in drei Regionen:

  • Landkreis Oberhavel: 76 Vorfälle
  • Cottbus: 57 Vorfälle
  • Potsdam: 53 Vorfälle

Die Verteilung bedeutet nicht automatisch, dass dort antisemitische Einstellungen stärker verbreitet sind als in anderen Regionen. Höhere Zahlen können auch mit einer größeren Meldebereitschaft, aktiven Beratungsstrukturen, Veranstaltungen oder einzelnen Serien von Vorfällen zusammenhängen.

Zivilgesellschaftliche Monitoringberichte bilden zudem nur bekannt gewordene und gemeldete Fälle ab. Von einem nicht erfassten Dunkelfeld ist auszugehen.

Digitale Räume erleichtern offene Verbreitung

Ein erheblicher Teil antisemitischer Inhalte wird im Internet verbreitet. Dazu gehören soziale Netzwerke, Kommentarbereiche, Messenger-Gruppen und digitale Veranstaltungen.

Nach Angaben des Berichts werden dort zunehmend direkte Gewaltaufrufe und Vernichtungsfantasien geäußert. Häufig beziehen sich die Inhalte auf den Nationalsozialismus und den Holocaust.

Digitale Veröffentlichungen können eine größere Reichweite entwickeln als einzelne Schmierereien oder mündliche Äußerungen. Sie bleiben abrufbar, werden weitergeleitet und können Betroffene über längere Zeit begleiten.

Gleichzeitig erschweren anonyme oder aus dem Ausland betriebene Konten die Identifizierung der Verantwortlichen.

Monitoringbericht und Polizeistatistik messen Unterschiedliches

Die 461 dokumentierten Vorfälle dürfen nicht mit der Zahl polizeilich registrierter Straftaten gleichgesetzt werden.

Die Fachstelle erfasst auch antisemitische Vorfälle unterhalb der strafrechtlichen Schwelle. Dazu können Äußerungen, Ausgrenzungen, Schmierereien und andere Handlungen gehören, die Betroffene als antisemitisch erleben, ohne dass zwingend ein Straftatbestand erfüllt ist.

Die brandenburgische Landesregierung hatte für 2025 nach einer parlamentarischen Anfrage 262 polizeilich registrierte antisemitische Straftaten genannt. Die unterschiedlichen Zahlen widersprechen sich daher nicht zwangsläufig, sondern beruhen auf verschiedenen Erfassungsmethoden.

Für eine journalistisch saubere Einordnung ist diese Trennung wichtig. Ein zivilgesellschaftlich dokumentierter Vorfall ist nicht automatisch eine strafrechtlich bestätigte Tat. Umgekehrt können Betroffene Vorfälle melden, die nie bei der Polizei angezeigt wurden.

Alltag jüdischer Menschen wird eingeschränkt

Die Fachstelle warnt davor, die Zahlen nur als statistische Entwicklung zu betrachten. Antisemitismus begegnet Betroffenen dem Bericht zufolge in zahlreichen Lebensbereichen.

Das kann dazu führen, dass jüdische Menschen bestimmte Orte meiden, religiöse Symbole nicht offen tragen oder ihre persönliche Sicherheit stärker organisieren müssen. Betroffen sind nicht nur Synagogen und jüdische Einrichtungen, sondern auch Schulen, Arbeitsplätze, Wohnviertel und öffentliche Veranstaltungen.

Derviş Hızarcı, Vorstandsvorsitzender der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, verwies darauf, dass im statistischen Durchschnitt weiterhin mehr als ein antisemitischer Vorfall pro Tag im Land dokumentiert werde.

Die KIgA ist Trägerverein der Fachstelle. Diese arbeitet landesweit als zentrale Anlaufstelle für Betroffene und Zeugen antisemitischer Vorfälle.

Brandenburg hat Schutz jüdischen Lebens als Staatsziel verankert

Das Land Brandenburg richtete die Fachstelle Antisemitismus 2019 ein. Seit 2022 sind die Förderung jüdischen Lebens und die Bekämpfung des Antisemitismus als Staatsziel in der Landesverfassung verankert.

Im Jahr 2024 wurde zusätzlich ein Landesbeauftragter zur Bekämpfung des Antisemitismus berufen. Andreas Büttner legte im Juni 2026 seinen ersten Tätigkeitsbericht vor und warnte dabei ebenfalls vor einer offeneren und aggressiveren Form des Antisemitismus.

Die Maßnahmen umfassen Prävention, Bildungsarbeit, Beratung von Betroffenen, Dokumentation und die Zusammenarbeit mit Polizei, Schulen und zivilgesellschaftlichen Trägern.

Was aus den Zahlen folgen soll

Der Bericht macht deutlich, dass kurzfristige Reaktionen auf einzelne Vorfälle nicht ausreichen. Prävention muss nach Einschätzung der Fachstelle langfristig in Schulen, Verwaltungen, Vereinen und digitalen Räumen verankert werden.

Dazu gehören Fortbildungen für Lehrkräfte und Mitarbeiter öffentlicher Einrichtungen, erreichbare Beratungsangebote und ein konsequentes Vorgehen gegen strafbare Bedrohungen und Gewaltaufrufe.

Ebenso wichtig ist, Vorfälle nicht zu relativieren oder als gewöhnlichen Bestandteil politischer Auseinandersetzungen zu behandeln. Kritik an der Politik der israelischen Regierung ist legitim. Sie wird antisemitisch, wenn jüdische Menschen kollektiv verantwortlich gemacht, antisemitische Bilder verwendet oder das Existenzrecht Israels mit Vernichtungsforderungen bestritten wird.

Die Zahl der von der Fachstelle dokumentierten antisemitischen Vorfälle ist 2025 leicht von 484 auf 461 gesunken. Eine grundlegende Entspannung lässt sich daraus nicht ableiten.

Gegenüber 2022 hat sich die Zahl mehr als verdoppelt. Besonders besorgniserregend sind die Zunahme von Angriffen und Bedrohungen sowie die offene Verbreitung antisemitischer Inhalte im öffentlichen und digitalen Raum.

Der Bericht zeigt außerdem, dass Antisemitismus nicht auf einzelne Städte oder Tatorte begrenzt ist. Er tritt im gesamten Land auf und wirkt sich unmittelbar auf den Alltag jüdischer Menschen aus.