Die entscheidende Frage für Ostdeutschlands Arbeitsmarkt lautet immer häufiger nicht mehr nur, ob genügend Arbeitsplätze vorhanden sind. Sie lautet: Wer wird die Arbeit in einigen Jahren überhaupt noch erledigen? Während geburtenstarke Jahrgänge aus dem Berufsleben ausscheiden, fehlen in zahlreichen Berufen bereits heute Menschen mit den passenden Qualifikationen.

Das Problem zeigt sich besonders deutlich in Pflege und Medizin, im Bau und Handwerk, bei Berufskraftfahrern, Erziehern und weiteren sozialen Berufen. Die Bundesagentur für Arbeit zählt deutschlandweit derzeit 157 Engpassberufe. Sie warnt allerdings gleichzeitig davor, daraus einen allgemeinen Mangel an Arbeitskräften abzuleiten: In vielen Berufen gibt es weiterhin mehr Bewerber als offene Stellen.

Der Osten altert sichtbar

Die Entwicklung lässt sich bereits an den Bevölkerungszahlen ablesen.

In Sachsen lebten Ende 2025 rund 4,03 Millionen Menschen. Davon waren etwa 1,11 Millionen bereits 65 Jahre oder älter. Gleichzeitig sank die Zahl der 20- bis unter 65-Jährigen innerhalb nur eines Jahres um mehr als 15.000 Personen. Das Durchschnittsalter lag bei 47,2 Jahren.

Auch bundesweit wird der demografische Druck in den kommenden Jahren zunehmen. Nach der aktuellen Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes wird 2035 jede vierte Person in Deutschland mindestens 67 Jahre alt sein. Die Zahl der Menschen im Rentenalter steigt demnach bis 2038 um mindestens 3,8 Millionen.

In den ostdeutschen Flächenländern ist die Ausgangslage vielerorts noch schwieriger.

Thüringen verliert Hunderttausende Menschen im Erwerbsalter

Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung in Thüringen.

Nach der regionalisierten Bevölkerungsvorausberechnung des Landes lebten 2024 noch rund 1,153 Millionen Menschen zwischen 20 und 65 Jahren in Thüringen.

Bis 2045 könnte diese Altersgruppe auf rund 946.600 Menschen zurückgehen.

Das wären rund 206.500 Menschen weniger – ein Rückgang von knapp 18 Prozent.

Damit geht es nicht um eine Entwicklung in ferner Zukunft. Der Rückgang ist bereits für die kommenden Jahre berechnet.

Fachkräftemangel trotz Arbeitslosigkeit

Auf den ersten Blick erscheint die Situation widersprüchlich.

Auch in ostdeutschen Ländern gibt es weiterhin Arbeitslosigkeit. Gleichzeitig können Unternehmen bestimmte Stellen über längere Zeit nicht besetzen.

Die Bundesagentur für Arbeit spricht deshalb von einem Mismatch: Arbeitslose und offene Stellen passen hinsichtlich Qualifikation, Beruf oder Standort häufig nicht zusammen.

In Sachsen-Anhalt wurden für 2025 beispielsweise 22 Berufsgruppen mit einem Fachkräfteengpass festgestellt. Von rund 37.900 im Jahresdurchschnitt gemeldeten Stellen entfielen etwa 8.500 auf Engpassberufe. Gleichzeitig suchten nur rund sechs Prozent der Arbeitslosen eine Beschäftigung in einem solchen Beruf.

Thüringen meldet ähnliche Probleme

In Thüringen sieht es kaum anders aus.

Dort stellte die Bundesagentur für Arbeit 21 Berufsgruppen mit Engpässen fest. Fast ein Viertel der gemeldeten Stellen entfiel auf solche Berufe, während ebenfalls nur etwa sechs Prozent der Arbeitslosen nach einer Beschäftigung in einem Engpassberuf suchten.

Die reine Zahl der Arbeitslosen sagt deshalb immer weniger darüber aus, ob ein Betrieb tatsächlich geeignetes Personal findet.

Ein Unternehmen kann gleichzeitig offene Stellen haben und in einer Region mit vergleichsweise hoher Arbeitslosigkeit sitzen.

Pflege und medizinische Berufe besonders betroffen

Besonders angespannt bleibt die Situation in Pflege und Gesundheit.

Die Bundesagentur nennt Pflegeberufe und andere medizinische Berufe bundesweit weiterhin unter den zentralen Engpassbereichen.

Für Ostdeutschland trifft dieser Personalmangel auf eine alternde Bevölkerung.

Damit steigt potenziell gerade dort der Bedarf an Pflege- und Gesundheitsleistungen, wo gleichzeitig weniger Erwerbstätige nachrücken.

Das Problem wirkt deshalb in zwei Richtungen: Mehr ältere Menschen benötigen Leistungen – während ein Teil der Beschäftigten selbst in Rente geht.

Handwerk und Bau verlieren erfahrene Beschäftigte

Ein ähnliches Problem besteht im Handwerk.

Auch Bau- und Handwerksberufe gehören laut Bundesagentur weiterhin zu den Bereichen mit ausgeprägten Fachkräfteengpässen.

Für viele kleinere Betriebe kommt ein weiteres Problem hinzu: Mit dem Ruhestand der Inhaber stellt sich häufig nicht nur die Frage nach neuen Mitarbeitern, sondern auch nach einer Unternehmensnachfolge.

Fehlt diese, kann aus einem Fachkräfteproblem ein Versorgungsproblem vor Ort werden – etwa wenn Handwerksbetriebe schließen und Wege für Kunden länger werden.

Berufskraftfahrer werden ebenfalls gesucht

Der Personalmangel betrifft auch die Mobilität.

Berufskraftfahrer zählen nach der aktuellen Engpassanalyse ebenfalls zu den stark nachgefragten Berufsgruppen.

Das betrifft Güterverkehr und Logistik ebenso wie Teile des Personenverkehrs.

Gerade in dünn besiedelten Regionen kann fehlendes Personal schnell direkte Folgen für den Alltag haben, wenn Fahrpläne ausgedünnt oder Leistungen eingeschränkt werden müssen.

Sachsen kann jeden dritten Altersabgang nicht ersetzen

Besonders deutlich formuliert die Bundesagentur die Situation für Sachsen.

Dort arbeiten inzwischen rund 151.000 ausländische Staatsangehörige in 25.800 Betrieben. Damit beschäftigt etwa jeder vierte sächsische Betrieb internationale Arbeitskräfte.

Der Hintergrund ist demografisch.

Nach Einschätzung der Bundesagentur werden in Sachsen in den kommenden fünf Jahren etwa 180.000 Beschäftigte altersbedingt ausscheiden. Rund jeder dritte dieser Altersabgänge könnte wegen fehlenden Nachwuchses nicht ersetzt werden.

Damit wird Zuwanderung zunehmend zu einer wirtschaftlichen Frage.

Internationale Arbeitskräfte gewinnen an Bedeutung

Für ostdeutsche Unternehmen bedeutet dies einen stärkeren Wettbewerb um Beschäftigte aus dem Ausland.

Der Anteil ausländischer Einwohner ist in den ostdeutschen Flächenländern weiterhin deutlich niedriger als beispielsweise in Berlin oder westdeutschen Ballungsräumen.

Ende 2025 lag er in Mecklenburg-Vorpommern bei 6,5 Prozent, in Brandenburg bei 7,4 Prozent, in Sachsen-Anhalt bei 7,9 Prozent und in Sachsen sowie Thüringen bei jeweils 8,4 Prozent. Berlin lag dagegen bei 22,5 Prozent.

Für die wirtschaftliche Entwicklung stellt sich deshalb zunehmend die Frage, wie attraktiv kleinere ostdeutsche Städte und ländliche Regionen für internationale Beschäftigte werden können.

Gleichzeitig gibt es keinen allgemeinen Personalmangel

Die Debatte verlangt jedoch eine wichtige Einschränkung.

Die Bundesagentur für Arbeit betont ausdrücklich, dass es keinen allgemeinen Arbeitskräftemangel gibt.

In zahlreichen Berufen steht weiterhin ein ausreichendes Arbeitskräfteangebot zur Verfügung. Entscheidend sind Qualifikation, Berufserfahrung, regionale Lage und Anforderungen der Arbeitgeber.

Der Satz „Ostdeutschland gehen die Menschen aus“ wäre deshalb zu pauschal.

Treffender ist: In bestimmten Schlüsselberufen fehlen zunehmend qualifizierte Beschäftigte – gleichzeitig gibt es in anderen Bereichen weiterhin Arbeitslosigkeit.

Ausbildung wird zum entscheidenden Faktor

Damit wächst die Bedeutung der beruflichen Ausbildung.

Denn ein Teil der Lücke kann nur geschlossen werden, wenn mehr junge Menschen für Berufe gewonnen werden, in denen bereits heute Personal fehlt.

Gleichzeitig müssen Ausbildung und Arbeitsmarkt besser zusammenpassen.

Brandenburg beschreibt den demografischen Wandel inzwischen ausdrücklich als Realität und versucht deshalb, Unternehmen bei der Einstellung und Ausbildung stärker zu unterstützen. Viele Betriebe seien auf Personal und Nachwuchs angewiesen.

Ostdeutschland konkurriert um dieselben Menschen

Hinzu kommt ein zunehmender Wettbewerb zwischen den Regionen.

Sachsen, Brandenburg, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern suchen nicht unabhängig voneinander nach Lehrern, Pflegekräften, Ingenieuren oder Handwerkern.

Sie konkurrieren untereinander – und gleichzeitig mit westdeutschen Großstädten und Unternehmen, die teilweise höhere Löhne oder andere Standortvorteile bieten können.

Damit werden neben Gehalt auch Wohnkosten, Kinderbetreuung, Infrastruktur und Lebensqualität zu Faktoren der Fachkräftesicherung.

Infrastruktur hängt am Personal

Die Folgen eines Fachkräftemangels beschränken sich deshalb nicht auf Unternehmen.

Fehlen Pflegekräfte, betrifft das Angehörige und Patienten.

Fehlen Handwerker, verlängern sich Wartezeiten.

Fehlen Fahrer, kann der Verkehr eingeschränkt werden.

Fehlen Erzieher oder Sozialpädagogen, geraten Betreuungssysteme unter Druck.

Und fehlen Fachkräfte in Verwaltungen oder technischen Betrieben, können Genehmigungen, Bauprojekte oder kommunale Dienstleistungen länger dauern.

Die kommenden zehn Jahre werden entscheidend

Der demografische Wandel ist dabei kein plötzliches Ereignis.

Die Babyboomer verlassen schrittweise den Arbeitsmarkt, während zahlenmäßig kleinere Generationen nachrücken.

Wie stark sich dies auf Ostdeutschland auswirkt, hängt wesentlich davon ab, wie viele Menschen in den Regionen bleiben, wie viele zuziehen und wie erfolgreich Ausbildung, Weiterbildung und Zuwanderung organisiert werden.

Die Bevölkerungsvorausberechnungen zeigen mögliche Entwicklungen und sind keine exakten Vorhersagen. Der Trend ist jedoch eindeutig: Die Altersstruktur verschiebt sich deutlich.

Wer hält Ostdeutschland künftig am Laufen?

Die vielleicht wichtigste wirtschaftspolitische Frage der nächsten Jahre lautet deshalb nicht nur, welche neuen Unternehmen sich im Osten ansiedeln.

Entscheidend wird sein, wer in bestehenden Betrieben, Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, Werkstätten und Verkehrssystemen arbeitet.

Ostdeutschland hat weiterhin Arbeitskräftepotenzial. Doch dieses Potenzial passt nicht automatisch zu den Berufen, in denen Menschen dringend gesucht werden.

Damit wird Fachkräftesicherung zu einer der zentralen Voraussetzungen dafür, dass wirtschaftliches Wachstum und öffentliche Infrastruktur überhaupt funktionieren können.

Quellen

Bundesagentur für Arbeit – Fachkräfteengpassanalyse 2025

Bundesagentur für Arbeit – Regionaldirektion Sachsen-Anhalt-Thüringen

Bundesagentur für Arbeit – Regionaldirektion Sachsen

Bundesagentur für Arbeit – Regionaldirektion Berlin-Brandenburg

Statistisches Bundesamt – 16. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung

Statistisches Landesamt Sachsen

Thüringer Landesamt für Statistik

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