Die Reserve der Bundeswehr soll längst nicht mehr nur einspringen, wenn zusätzliche Kräfte benötigt werden. Auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz zeigt sich, wie eng Reservisten inzwischen in militärische Abläufe eingebunden sind: Gemeinsam mit aktiven Soldaten trainieren sie Aufgaben, die im Ernstfall unmittelbar für die Einsatzfähigkeit eines Verbandes entscheidend sein können.
Zwei Wochen lang übten aktive Soldatinnen und Soldaten des Panzerpionierbataillons 701 aus Gera gemeinsam mit Reservistendienstleistenden in der Oberlausitz. Ziel war unter anderem, einen Sicherungszug darauf vorzubereiten, den Gefechtsstand eines Bataillons zuverlässig zu schützen.
Reservisten übernehmen konkrete militärische Aufgaben
Die Bundeswehr beschreibt die Reserve inzwischen ausdrücklich als festen Bestandteil ihrer militärischen Struktur.
Reservistinnen und Reservisten verstärken die aktive Truppe dort, wo Fähigkeiten dauerhaft bereitgehalten werden müssen. Sicherungsaufgaben werden dabei zunehmend von Reservistendienstleistenden übernommen. Dadurch sollen aktive Kräfte entlastet und gleichzeitig wichtige Fähigkeiten verfügbar gehalten werden.
Damit verändert sich auch das Bild der Reserve.
Sie soll nicht lediglich personelle Lücken auffüllen, sondern klar definierte Aufgaben innerhalb von Verbänden übernehmen.
Training bei Tag und Nacht
Die Übung in der Oberlausitz war entsprechend breit angelegt.
Trainiert wurde bei Tag und Nacht, im Wald und in bebautem Gelände. Auf dem Programm standen unter anderem Gefechtsschießen, Geländefahrten und Verteidigungsübungen – vom kleinen Gruppenrahmen bis hin zur Zugstärke.
Für viele Reservistendienstleistende bedeutet eine solche Übung die zeitlich begrenzte Rückkehr in den militärischen Dienst.
Dabei bringen sie Erfahrungen aus ihrer früheren aktiven Dienstzeit ebenso ein wie Kenntnisse aus ihrem heutigen zivilen Berufsleben.
Panzerpioniere aus Gera üben mit Reserve
Das Panzerpionierbataillon 701 unterstützt andere Truppenteile unter anderem dabei, Bewegungen im Gefecht zu ermöglichen.
Dazu gehören das Überwinden von Hindernissen, das Schaffen von Wegen und die Vorbereitung des Gefechtsfeldes. Für den Schutz eines solchen Verbandes spielen Sicherungskräfte eine wichtige Rolle.
Genau an dieser Stelle kommt die Reserve bei der Übung in der Oberlausitz zum Einsatz.
Sie soll gewährleisten, dass wichtige Einrichtungen geschützt werden, während aktive Kräfte andere Aufgaben übernehmen können.
„Fahren, Funken und Feuern“ müssen sitzen
Die Ausbildung orientiert sich an grundlegenden militärischen Fähigkeiten.
Brigadegeneral David Markus, Kommandeur der Panzergrenadierbrigade 37, erklärte im Zusammenhang mit der Übung, bestimmte Fähigkeiten müssten dauerhaft beherrscht werden. Dazu zählten Fahren, Funken und Feuern. Diese Fähigkeiten würden gemeinsam mit den Sicherungskräften aus der Reserve trainiert.
Das zeigt, dass Reservistendienst nicht nur aus administrativen Aufgaben oder gelegentlichen Übungen besteht.
Die Kräfte werden auch für militärische Sicherungs- und Verteidigungsaufgaben ausgebildet.
Heimatschutz gewinnt an Bedeutung
Die Rolle der Reserve geht jedoch über die Unterstützung aktiver Verbände hinaus.
Besonders wichtig ist sie für den Heimatschutz. Die Bundeswehr hat dafür eine eigene Heimatschutzdivision mit Sitz in Berlin aufgebaut. Ihr unterstehen aktuell sechs Heimatschutzregimenter mit insgesamt 60 Heimatschutzkompanien an 42 Standorten.
Dort stellen Reservistinnen und Reservisten den überwiegenden Teil des Personals.
Aktive Soldaten bilden den notwendigen Stamm und unterstützen die Reservedienstleistenden bei Ausbildung, Führung und Organisation.
Kritische Infrastruktur gehört zum Auftrag
Im Ernstfall sollen Heimatschutzkräfte unter anderem kritische Infrastruktur sichern.
Dazu gehören nach Angaben der Bundeswehr Häfen, Flughäfen, Bahnlinien, Brücken, Energieanlagen und digitale Netze. Auch Drohnenabwehr sowie die Unterstützung eigener und verbündeter Streitkräfte beim Transit durch Deutschland gehören zum Aufgabenfeld.
Dieser sogenannte Host Nation Support ist besonders relevant, wenn NATO-Truppen durch Deutschland an die Ostflanke verlegt werden.
Die Heimatschutzkräfte sollen dabei unter anderem Transportwege und wichtige Einrichtungen schützen.
Oberlausitz ist wichtiger Übungsraum
Die Oberlausitz spielt für solche Szenarien bereits seit mehreren Jahren eine Rolle.
Schon 2024 trainierten dort mehr als 100 Reservisten aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen den Schutz verteidigungswichtiger Infrastruktur. Dabei wurden unter anderem Sicherungsaufgaben an militärischen Rastplätzen und Munitionslagern geübt.
Auch internationale Kräfte waren damals beteiligt.
Damit wird deutlich, dass der Truppenübungsplatz nicht nur für klassische Gefechtsausbildung genutzt wird, sondern auch für Szenarien der Landes- und Bündnisverteidigung.
Ostdeutsche Übungsplätze gewinnen strategisches Gewicht
Der Truppenübungsplatz Oberlausitz gehört zur Truppenübungsplatzkommandantur Ost.
Zu diesem Bereich zählen außerdem Altengrabow, Klietz, Jägerbrück und Lehnin. Die Bundeswehr nutzt diese Plätze für Gefechtsübungen, Unterstützungsleistungen und die Ausbildung eigener sowie ausländischer Streitkräfte.
Damit besitzt Ostdeutschland eine Reihe großer militärischer Übungsräume, die für Ausbildung und Verteidigungsplanung an Bedeutung gewinnen.
Gerade mit Blick auf die NATO-Ostflanke und die stärkere Ausrichtung auf Landes- und Bündnisverteidigung rücken solche Standorte stärker in den Fokus.
Bundeswehr will Reserve systematischer erfassen
Parallel dazu arbeitet die Bundeswehr daran, ihre personelle Reserve besser zu kennen.
Seit Juli werden dienstleistungspflichtige Reservistinnen und Reservisten angeschrieben, um Daten zu Qualifikationen und möglicher Verwendung zu aktualisieren. Ziel ist ein besseres Lagebild darüber, wie viele Menschen tatsächlich zur Verfügung stehen und wie sie eingesetzt werden könnten.
Das Anschreiben bedeutet ausdrücklich keine automatische Einberufung.
Es zeigt aber, dass die Reserve wieder stärker in die langfristige Personalplanung einbezogen wird.
Reserve wird vom Zusatz zur festen Struktur
Die Übung in der Oberlausitz steht damit exemplarisch für einen größeren Wandel.
Die Bundeswehr selbst formuliert es deutlich: Die Reserve soll nicht mehr lediglich Ergänzung sein, sondern fester Bestandteil der militärischen Struktur. Sie übernimmt konkrete Aufgaben, schließt Fähigkeitslücken und trägt unmittelbar zur Einsatzbereitschaft bei.
Für Ostdeutschland bedeutet das zugleich, dass Standorte wie die Oberlausitz bei Ausbildung, Heimatschutz und Landesverteidigung stärker ins Zentrum rücken.
Quellen
Bundeswehr – „Seite an Seite mit der aktiven Truppe“, 26. März 2026
Bundeswehr – Informationen zum Heimatschutz, 18. Mai 2026
Bundeswehr – Heimatschutzdivision
Bundeswehr – Truppenübungsplatzkommandantur Ost
Bundeswehr – Informationen zum Bestand der Reserve, 1. Juli 2026