Die Waldsiedlung Zehlendorf steht vor einer möglicherweise historischen Auszeichnung. Das UNESCO-Welterbekomitee berät vom 19. bis 29. Juli 2026 im südkoreanischen Busan über neue Einträge und Erweiterungen bestehender Welterbestätten. Zwischen dem 25. und 27. Juli wird die Entscheidung über die Berliner Siedlung erwartet.

Dabei geht es nicht um einen völlig neuen deutschen Welterbeeintrag. Die Waldsiedlung soll als siebter Bestandteil die bereits seit 2008 geschützte Welterbestätte „Siedlungen der Berliner Moderne“ ergänzen. Zu ihr gehören bisher unter anderem die Hufeisensiedlung, die Weiße Stadt und die Großsiedlung Siemensstadt.

Eine Siedlung für modernes und bezahlbares Wohnen

Die Waldsiedlung entstand zwischen 1926 und 1932 nach Entwürfen bedeutender Architekten wie Bruno Taut, Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg. Ihr Ziel war es, modernes Wohnen, viel Grün und bezahlbare Wohnungen miteinander zu verbinden.

Charakteristisch sind die flachen Dächer, klaren Gebäudelinien und kräftigen Fassadenfarben. Wegen dieser Gestaltung ist die Anlage bis heute auch unter dem Namen „Papageiensiedlung“ bekannt.

Zum Ensemble gehören rund 1.100 Wohnungen und etwa 800 Reihenhäuser. Auch die Ladenstraße am U-Bahnhof Onkel Toms Hütte gilt als wichtiger Bestandteil des städtebaulichen Konzepts.

Warum die Siedlung 2008 noch fehlte

Sechs Berliner Siedlungen der Moderne wurden bereits 2008 in die Welterbeliste aufgenommen. Die Waldsiedlung Zehlendorf blieb damals außen vor, weil ihr Erhaltungszustand als nicht ausreichend angesehen wurde.

In den vergangenen Jahren wurde der denkmalpflegerische Umgang mit dem Ensemble neu geordnet. Das Landesdenkmalamt aktualisierte 2023 den Denkmalpflegeplan. Er soll klare Standards für Sanierungen schaffen und zugleich Fragen des Klimaschutzes und der Energieeffizienz berücksichtigen.

Berlin rechnet sich gute Chancen aus

Berlins Bausenator Christian Gaebler bezeichnet die Siedlungen der Berliner Moderne als städtebaulichen und kulturellen Schatz mit internationaler Bedeutung. Die Waldsiedlung sei insbesondere für die Entwicklung des sozialen Wohnungsbaus wegweisend gewesen.

Die offizielle UNESCO-Beschreibung bewertet sie als wichtige Ergänzung der sechs bereits geschützten Anlagen. Durch ihre Aufnahme würde der außergewöhnliche universelle Wert des gesamten Ensembles gestärkt.

Bewohner fürchten Folgen für Mieten und Alltag

Nicht alle Bewohner sehen dem möglichen Welterbetitel ausschließlich mit Freude entgegen. Einige Mieter befürchten, dass die internationale Aufwertung langfristig steigende Wohnkosten begünstigen könnte.

Große Teile des früher gemeinnützigen Wohnungsbestands gehören heute privaten Eigentümern beziehungsweise einem großen Wohnungskonzern. Eine Bewohnerinitiative kritisiert, dass wirtschaftliche Interessen inzwischen eine stärkere Rolle spielten als der ursprüngliche soziale Gedanke der Siedlung.

Der Eigentümer weist einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Welterbestatus und Miethöhe zurück. Auch Hauseigentümer sorgen sich jedoch teilweise vor zusätzlichen denkmalrechtlichen Vorgaben bei Fenstern, Fassaden oder baulichen Veränderungen.

Welterbe darf nicht zum Luxuslabel werden

Eine Aufnahme in die Welterbeliste würde die Waldsiedlung international bekannter machen und den Schutz ihrer Architektur stärken. Gleichzeitig müsste Berlin darauf achten, dass die Siedlung keine reine Kulisse für Architekturfreunde und Touristen wird.

Ihr historischer Wert liegt gerade darin, dass hier moderne Architektur mit sozialem Wohnungsbau verbunden wurde. Dieser Anspruch sollte auch hundert Jahre später erkennbar bleiben.

Kommentar: Bewahren heißt auch bewohnbar halten

Die Waldsiedlung Zehlendorf verdient internationale Anerkennung. Sie zeigt, dass guter Städtebau nicht nur aus repräsentativen Gebäuden besteht, sondern aus bezahlbaren Wohnungen, Grünflächen und funktionierenden Nachbarschaften.

Doch ein Welterbetitel darf nicht dazu führen, dass Sanierungen unbezahlbar werden oder langjährige Bewohner verdrängt werden. Denkmalschutz ist dann glaubwürdig, wenn er nicht nur Fassaden bewahrt, sondern auch das soziale Erbe eines Ortes schützt.

Die eigentliche Aufgabe beginnt deshalb erst nach einer möglichen Entscheidung der UNESCO: Die Waldsiedlung muss architektonisch erhalten und zugleich ein lebendiges Wohnviertel bleiben.