Das Land Thüringen unterstützt den Aufbau eines landesweiten telemedizinischen Netzwerks für Geburtshilfe und Neugeborenenmedizin mit rund 1,4 Millionen Euro. Das Projekt trägt den Namen PERIKOV-T – Perinatalmedizinischer Kompetenzverbund Thüringen – und wird am Universitätsklinikum Jena aufgebaut und koordiniert.

Die genaue Fördersumme beträgt 1.411.548,47 Euro. Ziel ist es, medizinische Fachkenntnisse schneller verfügbar zu machen, Kliniken und Praxen stärker miteinander zu verbinden und die Versorgung von Schwangeren, Neugeborenen und ihren Familien in allen Regionen Thüringens zu verbessern.

Besonders ländliche Gebiete sollen von dem neuen Netzwerk profitieren.

Telemedizin soll medizinisches Fachwissen schneller verfügbar machen

Im Mittelpunkt von PERIKOV-T steht die digitale Vernetzung geburtshilflicher und neonatologischer Einrichtungen.

Über telemedizinische Konsile sollen Ärzte und andere Fachkräfte künftig kurzfristig Spezialisten hinzuziehen können. Das kann beispielsweise bei Risikoschwangerschaften, auffälligen pränatalen Befunden oder medizinischen Problemen von Früh- und Neugeborenen wichtig sein.

Auch Rufbereitschaftsstrukturen sollen aufgebaut werden. Dadurch könnte fachliche Unterstützung unabhängig davon verfügbar werden, ob sich eine Patientin in Jena oder in einer kleineren Klinik im ländlichen Raum befindet.

Gesundheitsministerin Katharina Schenk erklärte, eine gute Gesundheitsversorgung dürfe nicht vom Wohnort abhängen. Das neue Netzwerk solle Expertise schneller verfügbar machen und die Zusammenarbeit in Geburtshilfe und Neonatologie stärken.

Kliniken aus allen Regionen sollen zusammenarbeiten

An dem Kompetenzverbund sollen sich Perinatalzentren und Kliniken mit perinatalem Schwerpunkt aus ganz Thüringen beteiligen.

Die Einrichtungen sollen gemeinsame Weiterbildungen organisieren, Behandlungsstandards entwickeln und ihre Ergebnisse miteinander vergleichen. Dieser Austausch dient der Qualitätssicherung und soll Unterschiede in der Versorgung verringern.

Perinatalmedizin umfasst die Betreuung von Mutter und Kind unmittelbar vor, während und nach der Geburt. Dazu gehören sowohl die Geburtshilfe als auch die Neonatologie, also die medizinische Versorgung von Früh- und Neugeborenen.

Besonders bei komplizierten Schwangerschaften und Geburten ist eine enge Zusammenarbeit verschiedener Fachbereiche entscheidend.

Niedergelassene Spezialisten werden einbezogen

Das Netzwerk soll nicht auf Krankenhäuser beschränkt bleiben.

Auch niedergelassene Fachärzte für pränatale Diagnostik werden in den Kompetenzverbund eingebunden. Dadurch soll ihre Expertise enger mit den Kliniken verknüpft werden.

Für Risikoschwangere kann das bedeuten, dass Informationen und ärztliche Einschätzungen über den gesamten Verlauf der Schwangerschaft besser abgestimmt werden.

Bislang bestehen zwischen ambulanten Praxen und stationären Einrichtungen teilweise unterschiedliche Dokumentations- und Kommunikationswege. Das telemedizinische Netzwerk soll dazu beitragen, Übergänge zu verbessern und Doppeluntersuchungen oder Informationsverluste zu vermeiden.

Versorgung im ländlichen Raum im Mittelpunkt

Thüringen ist durch zahlreiche ländliche Regionen und vergleichsweise große Entfernungen zwischen spezialisierten medizinischen Einrichtungen geprägt.

Nicht jede Geburtsklinik verfügt rund um die Uhr über sämtliche Fachrichtungen oder Spezialisten. Bei schwierigen Fällen kann deshalb eine Verlegung in ein Perinatalzentrum erforderlich werden.

Telemedizin ersetzt solche Verlegungen nicht, wenn eine hoch spezialisierte Behandlung notwendig ist. Sie kann jedoch helfen, medizinische Situationen schneller einzuschätzen und die nächsten Schritte gezielter vorzubereiten.

Dadurch könnten unnötige Transporte vermieden und notwendige Verlegungen früher organisiert werden.

Gemeinsame Standards für Geburtshilfe und Neonatologie

Ein weiterer Schwerpunkt des Projekts liegt auf gemeinsamen Behandlungsstandards.

Die beteiligten Kliniken und Praxen sollen abgestimmte Verfahren für bestimmte medizinische Situationen entwickeln. Dazu können etwa Risikobewertungen, Notfallabläufe, Überweisungswege und die Nachbetreuung von Mutter und Kind gehören.

Gemeinsame Standards können die Zusammenarbeit erleichtern, weil alle Beteiligten nach vergleichbaren Kriterien handeln.

Zugleich sollen die Ergebnisse der Einrichtungen ausgewertet und miteinander verglichen werden. Damit können mögliche Schwachstellen erkannt und erfolgreiche Verfahren auf andere Standorte übertragen werden.

Weiterbildung gehört zum Förderprojekt

Mit der Landesförderung werden nicht nur Technik und organisatorische Strukturen finanziert.

Zum Projekt gehören auch Qualifizierungs- und Weiterbildungsmaßnahmen für die beteiligten Fachkräfte. Außerdem werden Projektkoordination, Evaluation und Qualitätssicherung unterstützt.

Regelmäßige Schulungen sind notwendig, damit telemedizinische Systeme im Klinikalltag sicher und einheitlich genutzt werden können.

Dabei geht es nicht nur um die Bedienung technischer Geräte. Ebenso wichtig sind Datenschutz, Dokumentation, medizinische Verantwortlichkeiten und die Kommunikation zwischen verschiedenen Einrichtungen.

Universitätsklinikum Jena übernimmt Koordination

Das Universitätsklinikum Jena übernimmt die zentrale Koordination des Netzwerkes.

Als einzige Universitätsklinik Thüringens verfügt das UKJ über zahlreiche medizinische Fachdisziplinen und besondere Erfahrung bei komplizierten Schwangerschaften, Geburten und der Versorgung kranker Neugeborener.

Prof. Dr. Ekkehard Schleußner, Direktor der Klinik für Geburtsmedizin, sieht in dem Projekt eine Antwort auf die demografischen Herausforderungen des Landes.

Thüringen müsse sich neuen Versorgungsmodellen öffnen. Durch die Vernetzung vorhandener Ressourcen könnten eine flächendeckend hohe Behandlungsqualität und zugleich bessere Arbeitsbedingungen in Kliniken und Praxen erreicht werden.

Demografischer Wandel verschärft den Handlungsdruck

Der demografische Wandel stellt die medizinische Versorgung in Thüringen vor besondere Herausforderungen.

Sinkende Geburtenzahlen können dazu führen, dass geburtshilfliche Abteilungen wirtschaftlich unter Druck geraten oder geschlossen werden. Gleichzeitig müssen Schwangere und Neugeborene auch bei geringeren Fallzahlen sicher versorgt werden.

Hinzu kommt der Fachkräftemangel bei Hebammen, Ärzten und Pflegekräften.

Ein telemedizinisches Netzwerk kann vorhandene Spezialisten effizienter einbinden. Es ersetzt jedoch nicht das notwendige Personal vor Ort.

Für eine sichere Geburt bleiben erfahrene Hebammen, Ärzte, Pflegekräfte und geeignete medizinische Einrichtungen unverzichtbar.

Pilotprojekt läuft bis Ende 2027

Bis zum 31. Dezember 2027 soll das flächendeckende telemedizinische Netzwerk aufgebaut sein.

In der Pilotphase werden zunächst die technischen Grundlagen und organisatorischen Abläufe geschaffen. Dazu gehören digitale Verbindungen zwischen den Einrichtungen, klare Zuständigkeiten und verlässliche Konsilstrukturen.

Anschließend muss sich zeigen, wie häufig die Angebote genutzt werden und welchen konkreten Nutzen sie für Patientinnen, Kinder und medizinische Einrichtungen haben.

Wichtige Fragen der Auswertung dürften sein:

  • Wie schnell stehen Fachärzte für telemedizinische Beratungen bereit?
  • Können Verlegungen besser vorbereitet oder teilweise vermieden werden?
  • Verbessert sich die Betreuung von Risikoschwangerschaften?
  • Wie zuverlässig funktioniert der Austausch zwischen Kliniken und Praxen?
  • Lassen sich Behandlungsstandards landesweit vereinheitlichen?
  • Welche technischen und personellen Kosten entstehen nach Ende der Förderung?

Projekt entstand am Runden Tisch „Geburt und Familie“

PERIKOV-T wurde im Rahmen des Runden Tisches „Geburt und Familie“ entwickelt.

Dort erhielt das Vorhaben nach Angaben des Landes breite fachliche Unterstützung. Der Runde Tisch bringt Akteure zusammen, die mit Schwangerschaft, Geburt, medizinischer Versorgung und Familienunterstützung befasst sind.

Die Entwicklung innerhalb dieses Gremiums soll sicherstellen, dass das Netzwerk nicht ausschließlich aus Sicht einer einzelnen Klinik geplant wird.

Entscheidend wird sein, dass auch kleinere Krankenhäuser, niedergelassene Fachärzte, Hebammen und weitere Leistungserbringer dauerhaft eingebunden werden.

Telemedizin kann Wege verkürzen

Für Schwangere und Familien kann das Projekt vor allem Zeit und lange Fahrten sparen.

Eine medizinische Beratung durch einen Spezialisten könnte künftig teilweise erfolgen, ohne dass die Patientin für jedes Gespräch oder jede Zweitmeinung nach Jena reisen muss.

Das gilt jedoch nur für geeignete Fälle. Untersuchungen, Ultraschall, Geburten und medizinische Eingriffe können nicht vollständig digital ersetzt werden.

Telemedizin ist deshalb vor allem als Ergänzung bestehender Versorgung gedacht.

Datenschutz und Technik müssen zuverlässig funktionieren

Bei telemedizinischen Anwendungen werden besonders sensible Gesundheitsdaten übertragen.

Das Netzwerk benötigt deshalb sichere technische Systeme, klare Zugriffsrechte und verlässliche Datenschutzregeln.

Auch die Verfügbarkeit der Technik ist entscheidend. Verbindungsprobleme oder inkompatible Systeme dürfen nicht dazu führen, dass wichtige medizinische Informationen fehlen.

Neben moderner Technik braucht das Projekt deshalb feste Abläufe für Situationen, in denen digitale Verbindungen vorübergehend nicht funktionieren.

Langfristige Finanzierung noch entscheidend

Die Landesförderung ermöglicht den Aufbau des Netzwerks bis Ende 2027.

Offen bleibt, wie der Betrieb anschließend dauerhaft finanziert werden soll. Telemedizinische Konsile, Rufbereitschaften, technische Wartung und Koordination verursachen auch nach Abschluss der Pilotphase laufende Kosten.

Für eine langfristige Wirkung muss deshalb frühzeitig geklärt werden, welche Aufgaben durch das Land, die Kliniken, Krankenkassen oder andere Kostenträger finanziert werden.

Ein erfolgreiches Pilotprojekt entfaltet nur dann dauerhaften Nutzen, wenn die aufgebauten Strukturen anschließend erhalten bleiben.

Mit rund 1,4 Millionen Euro fördert Thüringen den Aufbau des Perinatalmedizinischen Kompetenzverbunds PERIKOV-T am Universitätsklinikum Jena.

Das Netzwerk soll Kliniken, Perinatalzentren und niedergelassene Spezialisten digital verbinden. Ziel sind schnellere fachliche Unterstützung, gemeinsame Behandlungsstandards und eine bessere Versorgung von Schwangeren und Neugeborenen – insbesondere in ländlichen Regionen.

Bis Ende 2027 sollen die technischen und organisatorischen Voraussetzungen geschaffen werden. Entscheidend wird anschließend sein, ob das Netzwerk im medizinischen Alltag zuverlässig funktioniert und dauerhaft finanziert werden kann.

Quelle

– Thüringer Ministerium für Soziales, Gesundheit, Arbeit und Familie und Universitätsklinikum Jena: Mitteilung zum Projekt PERIKOV-T, 22. Juli 2026.