ena. Narzissmus, Manipulationsneigung und mangelnde Empathie gelten nicht gerade als ideale Voraussetzungen für eine glückliche Partnerschaft. Eine neue Studie unter Beteiligung der Friedrich-Schiller-Universität Jena zeigt nun allerdings, dass der Zusammenhang offenbar in beide Richtungen wirkt: Persönlichkeitsmerkmale beeinflussen Beziehungen – und Erfahrungen innerhalb einer Partnerschaft können wiederum mit Veränderungen der Persönlichkeit verbunden sein.
Die Forschenden werteten Daten von 1.925 Paaren aus. Das durchschnittliche Alter lag bei rund 36 Jahren. Die Untersuchung wurde inzwischen im Journal of Personality and Social Psychology veröffentlicht beziehungsweise zur Veröffentlichung angenommen. Die Arbeit stammt von Anna Braig, Matthew D. Johnson, Marcus Mund und Franz J. Neyer.
Was Psychologen unter der „dunklen Triade“ verstehen
Im Mittelpunkt stehen drei Eigenschaften, die in der Persönlichkeitspsychologie häufig als „Dark Triad“ beziehungsweise dunkle Triade zusammengefasst werden:
- Machiavellismus: stärkere Neigung, andere Menschen strategisch zu manipulieren oder auszunutzen
- Psychopathische Merkmale: unter anderem Rücksichtslosigkeit und geringe Empathie
- Narzissmus: ausgeprägte Selbstbezogenheit und Selbstüberhöhung
Wichtig ist dabei die Abgrenzung zu klinischen Diagnosen. Dass Menschen solche Eigenschaften in unterschiedlicher Stärke zeigen, bedeutet nicht automatisch, dass bei ihnen eine Persönlichkeitsstörung vorliegt. Auch die Jenaer Forscherin Anna Braig betont, dass diese Merkmale grundsätzlich in unterschiedlichen Ausprägungen bei Menschen vorkommen.
Braigs Forschungsschwerpunkt liegt ausdrücklich auf der „Dark Triad“, Persönlichkeitsentwicklung und Längsschnittanalysen.
Drei Befragungen im Abstand von jeweils zwei Jahren
Für die Studie nutzten die Wissenschaftler Daten des deutschen Beziehungs- und Familienpanels pairfam.
Die 1.925 untersuchten Paare wurden zu drei Zeitpunkten betrachtet. Zwischen den jeweiligen Erhebungen lagen zwei Jahre. Dadurch konnten die Forschenden nicht nur feststellen, ob bestimmte Persönlichkeitseigenschaften mit einer schlechteren Beziehung zusammenhängen, sondern auch untersuchen, ob sich Veränderungen innerhalb der Partnerschaft und Veränderungen der Persönlichkeit gegenseitig begleiten.
Genau dieser langfristige Ansatz unterscheidet die Untersuchung von Studien, die Menschen lediglich zu einem einzigen Zeitpunkt betrachten. Die wissenschaftliche Veröffentlichung beschreibt ausdrücklich wechselseitige Veränderungen zwischen antagonistischen beziehungsweise stark selbstbezogenen Eigenschaften und Paarbeziehungen.
Stärkere „dunkle“ Merkmale belasten Beziehungen
Das zunächst wenig überraschende Ergebnis: Je stärker antagonistische und selbstzentrierte Eigenschaften ausgeprägt waren, desto problematischer konnten sich zentrale Aspekte einer Beziehung entwickeln.
Die Forschenden fanden Zusammenhänge mit unter anderem:
- geringerer Beziehungszufriedenheit,
- stärkerer verbaler Aggression,
- ausgeprägterer Erwartung von Gegenleistungen,
- einer geringeren Stabilität beziehungsweise problematischeren Entwicklung der Partnerschaft.
Gerade Narzissmus spielte nach Angaben der Jenaer Forschenden eine bedeutende Rolle.
Beziehung beeinflusst offenbar auch Persönlichkeit
Interessanter ist allerdings die umgekehrte Richtung.
Positive Veränderungen innerhalb einer Partnerschaft gingen in der Untersuchung auch mit einer Abnahme antagonistisch-selbstzentrierter Persönlichkeitseigenschaften einher.
Anna Braig fasst den Befund so zusammen:
„Persönlichkeit und Beziehung entwickeln sich nicht unabhängig voneinander.“
Das bedeutet nicht, dass eine gute Partnerschaft automatisch Narzissmus oder psychopathische Eigenschaften „heilt“. Die Studie zeigt vielmehr statistische wechselseitige Entwicklungszusammenhänge über mehrere Jahre.
Besonders deutlich scheint dieser Zusammenhang beim Narzissmus zu sein: Er kann einerseits Beziehungen stark beeinflussen, zeigte sich in der Studie andererseits aber auch als Merkmal, das mit positiven Beziehungserfahrungen vergleichsweise deutlich zurückgehen kann.
„Partnerschaft stellt hierbei schon eine Art Therapie dar“
Professor Franz Neyer von der Universität Jena ordnet die Ergebnisse in die allgemeine Persönlichkeitsentwicklung ein.
Mit zunehmendem Alter nehmen sozial unerwünschte Eigenschaften häufig ab. Die neue Untersuchung liefert Hinweise darauf, dass romantische Beziehungen einen Teil zu dieser Entwicklung beitragen können.
Neyer formuliert es zugespitzt:
„Partnerschaft stellt hierbei schon eine Art Therapie dar.“
Das Wort „Therapie“ ist dabei nicht medizinisch oder klinisch gemeint. Eine Partnerschaft ersetzt selbstverständlich keine psychotherapeutische Behandlung. Gemeint ist vielmehr, dass soziale Erfahrungen innerhalb einer stabilen Beziehung Persönlichkeitsentwicklung positiv beeinflussen können.
Daten aus einer der größten deutschen Beziehungsstudien
Die Grundlage bildet das inzwischen abgeschlossene Langzeitprojekt pairfam.
Zwischen 2008 und 2022 wurden jährlich rund 12.000 Menschen sowie teilweise deren Partner und Familienmitglieder befragt. Dadurch entstand ein umfangreicher Datensatz zu Beziehungen, Familie, Lebenszufriedenheit und Persönlichkeitsentwicklung.
Obwohl die Datenerhebung abgeschlossen ist, werden die Daten weiterhin wissenschaftlich ausgewertet.
Die aktuelle Jenaer Untersuchung trägt den Titel „Evolving Together: Dynamic Transactions of Antagonistic and Self-Centered Traits with Couple Relationships“. Die Veröffentlichung ist unter der DOI 10.1037/pspp0000607 geführt. Die Autoren sind Anna Braig, Matthew D. Johnson, Marcus Mund und Franz J. Neyer.
Quellen und Datenbasis
- Friedrich-Schiller-Universität Jena, Presseinformation zur Studie „Romantische Partnerschaft als Therapie“, Juli 2026.
- Braig, A.; Johnson, M. D.; Mund, M.; Neyer, F. J.: Evolving Together: Dynamic Transactions of Antagonistic and Self-Centered Traits with Couple Relationships, Journal of Personality and Social Psychology, DOI 10.1037/pspp0000607.
- Universität Jena, Profil Anna Braig, Forschungsgebiete Dark Triad und Persönlichkeitsentwicklung.