Das Museum für Textil- und Industriegeschichte Lausitz in Forst wird im Spätsommer zu einem der Ausstellungsorte der ersten openart Lausitz Biennale. Vom 21. August bis zum 6. September 2026 treffen dort internationale, nationale und regionale Positionen der Gegenwartskunst auf die Industriegeschichte und den Strukturwandel der Lausitz.
Die neue Biennale verbindet mehrere außergewöhnliche Orte der Niederlausitz zu einem gemeinsamen Kunstraum. Im Mittelpunkt stehen Fragen nach Erinnerung, gesellschaftlicher Veränderung, Landschaftswandel und der Zukunft einer Region, die über Jahrzehnte von Textilindustrie und Braunkohle geprägt wurde.
Die feierliche Eröffnung im Forster Museum findet am Freitag, dem 21. August, um 17 Uhr statt.
Kunst inmitten Lausitzer Industriegeschichte
Der Veranstaltungssaal des Museums wird für gut zwei Wochen zur Bühne großformatiger zeitgenössischer Kunst.
Die gezeigten Arbeiten beschäftigen sich mit der industriellen Vergangenheit der Lausitz, mit veränderten Landschaften und mit den Erfahrungen der Menschen, die den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel unmittelbar erlebt haben.
Der Museumsstandort bietet dafür einen besonderen Rahmen. Wo normalerweise Maschinen, textile Produktion und regionale Industriegeschichte vermittelt werden, entstehen neue Bezüge zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Die Biennale versteht den Strukturwandel dabei nicht nur als wirtschaftlichen Prozess. Sie richtet den Blick ebenso auf Identität, Erinnerung, Migration, Arbeitswelt und ökologische Veränderungen.
Zehn Meter lange Installation am Eingang
Bereits beim Betreten des Museums erwartet die Besucher eine großformatige Arbeit der portugiesischen Künstlerin Joana Vasconcelos.
Ihre rund zehn Meter lange Installation „Flaming Heart“ soll den Eingangsbereich prägen. Die monumentale Dimension setzt früh einen deutlichen Kontrapunkt zur historischen Museumsarchitektur.
Vasconcelos ist für raumgreifende Installationen bekannt, in denen sie traditionelle Materialien, Alltagsgegenstände und gesellschaftliche Themen miteinander verbindet.
Welche konkrete Bedeutung „Flaming Heart“ im Zusammenhang mit der Lausitz erhält, können Besucher während der Ausstellung selbst entdecken.
Monumentaler Scherenschnitt füllt Rückwand
Ein weiteres zentrales Werk ist „State of Strike“ von Sonja Yakovleva.
Der monumentale Scherenschnitt nimmt die gesamte Rückwand des Ausstellungssaals ein. Damit wird eine Technik, die häufig mit filigranen und kleinen Arbeiten verbunden wird, in einen ungewöhnlich großen Maßstab übertragen.
Der Titel verweist auf Widerstand, Arbeitskampf oder gesellschaftliche Spannung. Im Umfeld eines Museums für Industrie- und Textilgeschichte erhält das Werk eine besondere Wirkung.
Es verbindet eine traditionsreiche handwerkliche Technik mit Fragen nach Arbeit, Konflikt und politischem Ausdruck.
Holzschnitte und Fotografien zur Lausitzer Landschaft
Frank Lippold zeigt im Forster Museum großformatige Holzschnitte.
Auch diese Technik besitzt eine deutliche handwerkliche und materielle Qualität. Holz wird nicht nur zum Träger eines Bildes, sondern bleibt durch Struktur, Schnittspuren und Druck sichtbar.
Marike Schuurmann widmet sich in ihren fotografischen Arbeiten den Lausitzer Seenlandschaften.
Viele dieser Gewässer entstanden in ehemaligen Tagebauen. Sie stehen damit gleichermaßen für tiefgreifende Eingriffe in die Landschaft und für die Suche nach neuen Nutzungen nach dem Ende des Bergbaus.
Die Fotografien eröffnen einen Blick auf eine Region, deren Erscheinungsbild sich innerhalb weniger Jahrzehnte grundlegend verändert hat.
Installation erinnert an Braunkohlebergbau
Katharina Wimmer greift mit ihrer Installation „Makro-Kohlestruktur“ die Geschichte des Braunkohlebergbaus auf.
Kohle war über Generationen hinweg ein zentraler Wirtschaftsfaktor der Lausitz. Tagebaue schufen Arbeitsplätze und Energie, veränderten aber zugleich Landschaften, Dörfer und Lebenswege.
Die Installation macht den Rohstoff selbst zum künstlerischen Ausgangspunkt. In vergrößerter oder neu zusammengesetzter Form wird die Materialstruktur der Kohle sichtbar.
Dadurch entsteht eine Verbindung zwischen geologischer Geschichte, industrieller Nutzung und den heutigen Debatten über Klimaschutz und Strukturwandel.
„Rosenbrigade“ erinnert an vietnamesische Vertragsarbeiter
Auch die Geschichte der Menschen in der Lausitz erhält einen festen Platz in der Ausstellung.
Minh Duc Pham beschäftigt sich in der Arbeit „Rosenbrigade“ mit vietnamesischen Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeitern in der DDR.
Viele von ihnen kamen ab den 1970er- und 1980er-Jahren in ostdeutsche Betriebe. Sie arbeiteten unter anderem in der Textilindustrie, im Maschinenbau und in weiteren Produktionsbereichen.
Ihre Lebens- und Arbeitsgeschichten gehören zur ostdeutschen Industriegeschichte, wurden jedoch lange nur am Rand öffentlich thematisiert.
Die künstlerische Arbeit rückt diese Erfahrungen stärker in das Bewusstsein und verbindet persönliche Biografien mit der Geschichte von Arbeit, Migration und gesellschaftlicher Zugehörigkeit.
Forster Posamentenmanufaktur im Mittelpunkt
Heike Zappe dokumentiert fotografisch die traditionsreiche Jende Posamentenmanufaktur in Forst.
Posamenten sind textile Schmuck- und Besatzelemente wie Borten, Kordeln, Fransen oder Quasten. Ihre Herstellung erfordert spezialisierte Maschinen und umfangreiches handwerkliches Wissen.
Die fotografische Dokumentation führt die textile Vergangenheit der Stadt in die Gegenwart.
Forst war über lange Zeit ein bedeutender Standort der Textilproduktion. Die erhaltenen Betriebe, Maschinen und Arbeitsweisen sind deshalb nicht nur wirtschaftliche Zeugnisse, sondern Teil der regionalen Identität.
Besucher machen ihre Geschichten zu Textilmustern
Besonders unmittelbar wird die Verbindung aus Kunst, Erinnerung und Textilgeschichte in der interaktiven Installation von Karen Modrei.
Besucher können dort persönliche Geschichten erzählen. Diese Erzählungen werden unmittelbar an einer Strickmaschine in textile Muster übersetzt.
Damit werden individuelle Erinnerungen nicht nur gesprochen oder niedergeschrieben, sondern in ein materielles Kunstwerk übertragen.
Jeder Beitrag verändert das entstehende Werk. Die Besucher werden dadurch selbst zu Beteiligten der Ausstellung.
Die Installation verbindet moderne Kunst mit der textilen Geschichte des Museums und stellt die Frage, wie Erfahrungen gespeichert, sichtbar gemacht und weitergegeben werden können.
Modenschau-Performance zur Eröffnung
Zur Eröffnung am Freitag, dem 21. August, um 17 Uhr präsentiert die Berliner Modedesignerin und Künstlerin Esther Perbandt eine Performance.
Die Arbeit war zuvor bereits auf der Positions Berlin Art Fair zu sehen.
Perbandt bewegt sich zwischen Mode, Kunst und Performance. Ihre Präsentation passt damit besonders gut zum Forster Museumsstandort, an dem textile Produktion und Gestaltung eine zentrale Rolle spielen.
Die Performance bildet den öffentlichen Auftakt der Ausstellung und verbindet aktuelle Berliner Kunst- und Modeszenen mit der Lausitzer Industriekultur.
Biennale verbindet besondere Orte der Niederlausitz
Die openart Lausitz Biennale beschränkt sich nicht auf einen einzelnen Ausstellungsort.
Mehrere Orte der Niederlausitz werden zu einem gemeinsamen Kunstparcours verbunden. Dadurch soll die Region selbst Teil der Ausstellung werden.
Historische Industriegebäude, Museen und weitere ungewöhnliche Räume schaffen jeweils eigene Bezüge zu den gezeigten Arbeiten.
Das Konzept kann Besucher dazu anregen, nicht nur einzelne Kunstwerke zu betrachten, sondern auch die Städte, Landschaften und historischen Zusammenhänge der Lausitz neu wahrzunehmen.
Strukturwandel wird kulturell verhandelt
In der Lausitz wird der Begriff Strukturwandel häufig mit dem Ausstieg aus der Braunkohle, neuen Industrieansiedlungen und Infrastrukturprojekten verbunden.
Die Biennale erweitert diese Sichtweise um kulturelle und gesellschaftliche Fragen.
Was geschieht mit den Erinnerungen an frühere Arbeitswelten? Wie verändern sich Orte, wenn Betriebe schließen? Welche neuen Identitäten entstehen in einer Region, die sich wirtschaftlich neu orientieren muss?
Kunst kann diese Fragen nicht abschließend beantworten. Sie kann jedoch Perspektiven öffnen, widersprüchliche Erfahrungen sichtbar machen und Debatten anstoßen.
Museum erhält neue Rolle als Kunstraum
Für das Museum für Textil- und Industriegeschichte Lausitz bedeutet die Biennale eine Erweiterung seiner üblichen Arbeit.
Neben historischen Maschinen, Produktionsverfahren und Dokumenten treten zeitgenössische künstlerische Positionen.
Dadurch kann das Museum neue Besuchergruppen erreichen und zugleich zeigen, dass Industriegeschichte kein abgeschlossenes Kapitel ist.
Die früheren Produktionsformen wirken bis heute in Architektur, Arbeitsbiografien und regionalem Selbstverständnis fort.
Öffnungszeiten und Eintritt
Die Ausstellung ist vom 21. August bis zum 6. September 2026 im Museum für Textil- und Industriegeschichte Lausitz zu sehen.
Geöffnet ist jeweils von Donnerstag bis Sonntag zwischen 10 und 18 Uhr.
Es gelten die regulären Eintrittspreise des Museums.
Veranstaltungsdetails
Ausstellung: Erste openart Lausitz Biennale
Zeitraum: 21. August bis 6. September 2026
Eröffnung: Freitag, 21. August, 17 Uhr
Öffnungszeiten: Donnerstag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr
Ort: Museum für Textil- und Industriegeschichte Lausitz in Forst
Eintritt: reguläre Museumspreise
Künstlerinnen und Künstler in Forst
Im Forster Ausstellungsteil sind unter anderem vertreten:
- Joana Vasconcelos
- Sonja Yakovleva
- Frank Lippold
- Marike Schuurmann
- Katharina Wimmer
- Minh Duc Pham
- Heike Zappe
- Karen Modrei
- Esther Perbandt
Die Arbeiten reichen von Installation und Scherenschnitt über Holzschnitt und Fotografie bis zu Mode, Performance und interaktiver Textilkunst.
Bedeutung für Forst und die Lausitz
Die Beteiligung an der Biennale stärkt Forst als Kultur- und Museumsstandort.
Die Stadt kann ihre textile und industrielle Geschichte in einen größeren europäischen Kunstzusammenhang stellen. Gleichzeitig entstehen neue Anlässe für Besucher, die Stadt und das Museum kennenzulernen.
Davon können auch Gastronomie, Handel und Tourismus profitieren.
Entscheidend ist jedoch vor allem die inhaltliche Wirkung: Die Lausitz wird nicht nur als ehemalige Industrie- und Kohleregion dargestellt, sondern als Raum, in dem neue kulturelle Ausdrucksformen entstehen.
Das Museum für Textil- und Industriegeschichte Lausitz wird vom 21. August bis 6. September zu einem zentralen Ausstellungsort der ersten openart Lausitz Biennale.
Großformatige Installationen, Fotografien, Holzschnitte und interaktive Arbeiten verbinden die Geschichte der Textilindustrie und des Braunkohlebergbaus mit Fragen nach Erinnerung, Migration und Zukunft.
Mit der Performance von Esther Perbandt beginnt am 21. August ein Kulturereignis, das den Strukturwandel der Lausitz aus einer neuen Perspektive sichtbar macht.
Quelle
– Stadt Forst (Lausitz): Pressemitteilung „Forster Museum wird Ausstellungsort der 1. openart Lausitz Biennale“, 22. Juli 2026.