Mehr Geld für die Nutzung des Schienennetzes könnte den Regionalverkehr in Thüringen erheblich unter Druck setzen. Das Land befürchtet höhere Ticketpreise, ausbleibende Angebotsverbesserungen und im schlimmsten Fall die Abbestellung einzelner Zugverbindungen.
Im Mittelpunkt einer Sonderkonferenz der Verkehrsminister der Länder standen die ab 2026 deutlich gestiegenen Trassenpreise für den Schienenpersonennahverkehr. Thüringens Infrastrukturminister Steffen Schütz fordert den Bund auf, die daraus entstehenden zusätzlichen Belastungen vollständig zu übernehmen.
Trassenpreise sind Gebühren für die Nutzung der Schienen
Eisenbahnunternehmen müssen für die Nutzung des Schienennetzes Entgelte bezahlen. Diese sogenannten Trassenpreise fallen an, wenn Regionalzüge, Fernzüge oder Güterzüge auf bestimmten Strecken verkehren.
Im Schienenpersonennahverkehr werden die Leistungen in der Regel von den Ländern oder ihren zuständigen Aufgabenträgern bestellt. Steigen die Kosten für die Nutzung der Infrastruktur, erhöhen sich damit auch die Ausgaben für den Betrieb der regionalen Zugverbindungen.
Das zusätzliche Geld steht anschließend nicht mehr für dichtere Takte, neue Verbindungen oder andere Verbesserungen zur Verfügung. Können die Mehrkosten nicht ausgeglichen werden, drohen Einschränkungen beim Angebot oder eine stärkere Belastung der Fahrgäste.
Urteil führte zu höheren Gebühren
Ausgangspunkt der Entwicklung ist nach Angaben des Thüringer Infrastrukturministeriums ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom März 2026.
Das Gericht kippte eine deutsche Regelung, mit der die Schienennutzungsgebühren im Nahverkehr begrenzt worden waren. In der Folge erhöhte die Bundesnetzagentur die Trassenpreise für den Regionalverkehr ab 2026 deutlich.
Wie hoch die Mehrbelastung für Thüringen konkret ausfällt, wird in der Pressemitteilung nicht beziffert. Das Ministerium warnt jedoch vor schwerwiegenden Folgen für die Fahrpreise und die Qualität des Angebots.
Bereits geplante Verbesserungen könnten nach Einschätzung des Landes nicht umgesetzt werden, wenn ein größerer Teil der verfügbaren Mittel für die höheren Infrastrukturgebühren eingesetzt werden muss.
Länder fassen einstimmigen Beschluss
Die Sonder-Verkehrsministerkonferenz verabschiedete nach Angaben des Ministeriums einen einstimmigen Beschluss.
Darin fordern die Länder, dass der Bund sämtliche Mehrbelastungen übernimmt, die ihnen und den Aufgabenträgern durch die neuen Trassenpreise entstehen.
Die Verkehrsminister verweisen auf den Koalitionsvertrag der Bundesregierung. Darin sei eine Anpassung der Regionalisierungsmittel angekündigt worden, um den bestehenden Nahverkehr zu sichern, steigende Kosten aufzufangen und zusätzliche Angebote zu ermöglichen.
Die nun entstandenen Mehrkosten stehen nach Auffassung der Länder im Widerspruch zu diesen politischen Zielen.
Abbestellungen von Zugverbindungen sollen verhindert werden
Besonders deutlich warnen die Länder vor möglichen Abbestellungen. Gemeint ist damit, dass einzelne Zugleistungen nicht mehr finanziert und deshalb aus dem Fahrplan genommen werden.
Davon könnten vor allem Strecken betroffen sein, die zwar für die regionale Erreichbarkeit wichtig sind, aber weniger Fahrgäste als die großen Verbindungen zwischen den Städten haben.
Für ländliche Gebiete wären Einschränkungen besonders problematisch. Dort gibt es häufig weniger Alternativen zum Zug, und viele Menschen sind auf verlässliche Anschlüsse zu Arbeitsplätzen, Schulen, Behörden oder medizinischen Einrichtungen angewiesen.
Welche konkreten Linien in Thüringen gefährdet sein könnten, nennt das Ministerium nicht. Es handelt sich zunächst um eine grundsätzliche Warnung vor den finanziellen Folgen des neuen Entgeltsystems.
Schütz sieht Mobilitätswende gefährdet
Infrastrukturminister Steffen Schütz erklärte, die höheren Trassenpreise bedrohten die Mobilitätswende auf der Schiene und im gesamten Nahverkehr.
Thüringen verfolge das Ziel, insbesondere im ländlichen Raum bessere Verbindungen zu schaffen. Zugleich müsse auch der Schienengüterverkehr berücksichtigt werden.
Für diese Entwicklung seien verlässliche finanzielle und rechtliche Rahmenbedingungen notwendig. Weitere Belastungen für Länder und Aufgabenträger erschwerten dagegen langfristige Planungen.
Damit stellt der Minister die Gebührenfrage in einen größeren Zusammenhang. Es geht nicht nur um die Finanzierung bereits fahrender Züge, sondern auch um den geplanten Ausbau des Angebots.
Regionalisierungsmittel finanzieren den Nahverkehr
Die Länder erhalten vom Bund sogenannte Regionalisierungsmittel. Mit diesem Geld bestellen und finanzieren sie vor allem Leistungen im regionalen Schienenverkehr.
Aus den Mitteln werden beispielsweise Regionalbahnen und Regionalexpress-Verbindungen bezahlt. Steigen Personal-, Energie- oder Infrastrukturkosten stärker als die bereitgestellten Gelder, verringert sich der finanzielle Spielraum.
Die Länder verlangen deshalb seit Längerem eine stärkere und verlässlichere Anpassung der Regionalisierungsmittel. Die aktuelle Entwicklung bei den Trassenpreisen verschärft diese Debatte zusätzlich.
Schütz fordert eine Neuregelung der Mittel und eine strukturelle Weiterentwicklung des gesamten Trassen- und Entgeltsystems.
Thüringen bietet Mitarbeit an neuer Lösung an
Nach den Vorstellungen des Ministers darf eine Reform nicht zu weiteren finanziellen Belastungen für die Länder und ihre Aufgabenträger führen.
Das derzeitige System müsse so weiterentwickelt werden, dass der Regionalverkehr langfristig planbar und bezahlbar bleibe. Thüringen wolle sich nach Angaben des Ministeriums konstruktiv an entsprechenden Lösungen beteiligen.
Offen bleibt, wann der Bund auf die Forderung der Verkehrsministerkonferenz reagiert und in welcher Höhe zusätzliche Mittel bereitgestellt werden könnten.
Für Fahrgäste sind zunächst keine konkreten Fahrpreiserhöhungen oder Angebotskürzungen angekündigt. Die Länder warnen jedoch davor, dass solche Folgen eintreten könnten, falls die Mehrkosten dauerhaft bei ihnen verbleiben.
Quellen
• Thüringer Ministerium für Digitales und Infrastruktur: Medieninformation „Minister Schütz: Erhöhte Trassenpreise bedrohen die erfolgreiche Mobilitätswende auf der Schiene“, veröffentlicht am 6. August 2026.