Ein verschreibungspflichtiges Medikament mit dem Cannabis-Wirkstoff THC könnte Menschen mit traumabedingten Albträumen künftig neue Hoffnung geben. In einer Studie der Charité – Universitätsmedizin Berlin gingen die nächtlichen Beschwerden deutlich stärker zurück als bei der Behandlung mit einem Scheinmedikament.
Albträume als schwere Folge traumatischer Erlebnisse
Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung, kurz PTBS, erleben belastende Ereignisse häufig auch nachts erneut. Auslöser können schwere Unfälle, Gewalttaten, Unglücke oder Kriegserfahrungen sein.
Die Erinnerungen lassen sich von den Betroffenen nicht willentlich kontrollieren. In Albträumen erscheint das Erlebte wieder real und unmittelbar. Viele Patienten wachen in Panik auf, schlafen dauerhaft zu wenig oder entwickeln Angst vor dem Zubettgehen.
Bisher eingesetzte Medikamente wie Antidepressiva oder bestimmte blutdrucksenkende Präparate wirken nach Angaben der Charité häufig nur begrenzt gegen das eigentliche Traumgeschehen. Ein speziell für traumabedingte Albträume zugelassenes Medikament gibt es in Deutschland bislang nicht.
Dronabinol vor dem Schlafengehen
Ein Forschungsteam um Prof. Stefan Röpke von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Benjamin Franklin untersuchte deshalb den Wirkstoff Tetrahydrocannabinol, kurz THC.
Zum Einsatz kam Dronabinol, ein verschreibungspflichtiges Medikament in Tropfenform. Der Wirkstoff wird direkt aus der Hanfpflanze gewonnen und wird bereits in anderen medizinischen Bereichen eingesetzt.
THC greift in das körpereigene Endocannabinoid-System ein. Dieses ist unter anderem an der Regulation von Schlaf, Stress und emotionalen Erinnerungen beteiligt.
Nach Einschätzung der Forscher könnte der Wirkstoff während der besonders traumintensiven REM-Schlafphasen die Traumaktivität abschwächen und dadurch nächtliche Stressreaktionen vermindern.
Mehr als 170 Patienten nahmen teil
An der Untersuchung beteiligten sich mehr als 170 Menschen mit einer diagnostizierten posttraumatischen Belastungsstörung und häufig auftretenden, intensiven Albträumen.
Über einen Zeitraum von zehn Wochen nahmen sie jeden Abend vor dem Schlafengehen entweder Dronabinol oder ein äußerlich und geschmacklich vergleichbares Placebo ein.
Weder die Patienten noch die behandelnden Wissenschaftler wussten während der Studie, wer den Wirkstoff und wer das Scheinmedikament erhielt. Damit entsprach die Untersuchung dem Standard einer doppelblinden, placebokontrollierten Studie.
Albtraumbelastung ging deutlich zurück
Nach zehn Wochen war die Belastung durch Albträume in der Dronabinol-Gruppe stärker gesunken als in der Placebogruppe.
Auf einer Skala von null bis acht Punkten verringerte sich die durchschnittliche Albtraumlast unter Dronabinol um 3,7 Punkte. Bei den Teilnehmern, die das Placebo erhalten hatten, lag der Rückgang bei 2,2 Punkten.
Mehr als ein Drittel der mit dem THC-Präparat behandelten Patienten berichtete nach Ablauf der Studie, überhaupt keine Albträume mehr erlebt zu haben.
Weitere 21 Prozent gaben an, dass sich ihre Albtraumbelastung mindestens halbiert habe. Insgesamt bewerteten laut Charité etwa fünf von sechs Patienten ihren Gesundheitszustand nach der Behandlung als deutlich verbessert.
Wirkung konzentrierte sich auf Schlaf und Albträume
Die Untersuchung zeigte nach Angaben der Forscher vor allem eine Wirkung auf die Albträume und den Schlaf.
Andere Symptome der posttraumatischen Belastungsstörung veränderten sich dagegen nicht eindeutig. Auch eine mögliche begleitende Depression wurde durch das Medikament nicht nachweisbar verbessert.
Für viele Betroffene bedeutete bereits die Reduzierung der nächtlichen Belastung eine erhebliche Entlastung. Durch das Ausbleiben oder die Abschwächung der Albträume wurde wieder längerer und erholsamerer Schlaf möglich.
Keine schweren Nebenwirkungen festgestellt
Schwere Nebenwirkungen traten während der Studie nach Angaben der Charité nicht auf.
Häufiger beobachtet wurden leichtere oder mittelgradige Begleiterscheinungen wie Schwindel, Kopfschmerzen und gesteigerter Appetit.
Nach dem Ende der zehnwöchigen Behandlung und dem Absetzen der abendlichen Dosis stellten die Forscher keine Entzugserscheinungen fest.
Die Ergebnisse bedeuten jedoch nicht, dass THC oder Cannabis eigenständig zur Behandlung von Albträumen eingesetzt werden sollten. Untersucht wurde ein genau dosiertes, verschreibungspflichtiges Arzneimittel unter medizinischer Kontrolle.
Langfristige Wirkung noch offen
In weiteren Untersuchungen soll nun geklärt werden, ob Dronabinol auch über einen längeren Zeitraum wirksam und sicher bleibt.
Offen ist unter anderem, ob sich bei einer dauerhaften Einnahme ein Gewöhnungseffekt entwickelt und ob die Dosis im Laufe der Behandlung angepasst werden müsste.
Auch die Frage, welche Patienten besonders gut auf den Wirkstoff ansprechen, soll weiter untersucht werden. Eine besondere Rolle könnten dabei die Art des Traumas, die Schwere der Schlafstörung und mögliche Begleiterkrankungen spielen.
Noch keine spezielle Zulassung gegen PTBS-Albträume
Die Studienergebnisse liefern einen möglichen neuen Behandlungsansatz, bedeuten aber noch keine allgemeine Zulassung von Dronabinol gegen traumabedingte Albträume.
Ob und wann das Präparat regulär für diese Anwendung eingesetzt werden kann, hängt von weiteren Studien und den Entscheidungen der zuständigen Arzneimittelbehörden ab.
Für die Traumaforschung sind die Ergebnisse dennoch bedeutsam. Sie zeigen, dass eine gezielte Beeinflussung des Schlafs die Albtraumbelastung bei PTBS deutlich reduzieren könnte.
Quellen
• Charité – Universitätsmedizin Berlin: Pressemitteilung „Cannabis-Wirkstoff THC kann traumabedingte Albträume ausschalten“, 5. August 2026
• Nature Medicine: Veröffentlichung der klinischen Studie zur Behandlung traumabedingter Albträume mit Dronabinol