Zittau. Wie war es, in den letzten Jahren der DDR im Zittauer Dreiländereck zu leben? Wie roch die Luft neben Kohlekraftwerk und Industrie, wie wurde in den Betrieben gearbeitet, was geschah hinter den Türen von Verwaltung und Sicherheitsorganen – und warum verließen schon damals viele Menschen die Region? Genau diese persönlichen Perspektiven wollen die Städtischen Museen Zittau für eine neue Ausstellung zusammentragen.
„Endspiel im Schwarzen Dreieck“
Das Forschungs- und Ausstellungsprojekt trägt den Titel „Endspiel im ‚Schwarzen Dreieck‘“ und beschäftigt sich mit der späten DDR-Zeit im Dreiländereck. Die Ausstellung soll 2027 entstehen.
Im Mittelpunkt steht dabei ausdrücklich nicht nur die große Politik. Gesucht werden Menschen, die die Veränderungen zwischen den 1970er- und 1990er-Jahren selbst erlebt haben.
Besonders interessieren die Museen Zeitzeugen, die sich an folgende Bereiche erinnern:
- Robur-Werke
- Textil- und Chemieindustrie
- Braunkohletagebau
- Kraftwerk Hirschfelde
- massive Umweltbelastungen
- frühe Abwanderungsbewegungen
- Verwaltung und Sicherheitsorgane
- politische Akteure
- Hochschule und Bildung
- Nationale Volksarmee
- kirchliche Arbeit
Damit soll ein möglichst breites Bild des Lebens in einer Region entstehen, die in der Endphase der DDR stark von Industrie geprägt war.
Persönliche Geschichten sollen die Ausstellung tragen
Die Museen wollen nicht nur amtliche Akten auswerten. Entscheidend sollen auch persönliche Erfahrungen werden.
„Jede noch so kleine Erinnerung ist wertvoll.“
Mit diesem Satz wenden sich Museumsdirektor Dr. Peter Knüvener und Projektkurator Dr. Sven Brajer an die Menschen der Region. Geplant ist, persönliche Geschichten ebenso wie Fotos, Briefe und Dokumente in die spätere Ausstellung und eine begleitende Publikation einzubeziehen. Zeitzeugen sollen selbst entscheiden können, ob sie namentlich genannt oder anonym bleiben möchten.
Genau darin liegt die Stärke des Projekts: Es geht nicht nur darum, was damals offiziell beschlossen oder produziert wurde, sondern darum, wie die Menschen diese Jahre tatsächlich erlebt haben.
Industrie brachte Arbeit – aber auch enorme Belastungen
Die Auswahl der Themen zeigt, welche Gegensätze die Region damals prägten.
Auf der einen Seite standen große Industriebetriebe und viele Arbeitsplätze. Die Robur-Werke gehörten zu den bekanntesten Namen der Zittauer Industriegeschichte. Hinzu kamen Textilproduktion, Chemieindustrie sowie Braunkohleförderung und Energieerzeugung rund um Hirschfelde.
Auf der anderen Seite waren Umweltbelastung und Verschleiß der Infrastruktur zentrale Probleme. Das Projekt will deshalb auch Erinnerungen daran sammeln, wie diese Belastungen im Alltag wahrgenommen wurden – etwa durch Luftverschmutzung, Industrieabgase oder Veränderungen der Landschaft. Diese thematische Ausrichtung ist ausdrücklich Teil des Museumsaufrufs.
Auch Abwanderung gehört dazu. Die Museen sprechen ausdrücklich von frühen Abwanderungswellen, die bereits vor dem Ende der DDR einsetzten.
Auch Verwaltung, NVA und Kirche sollen beleuchtet werden
Bemerkenswert ist, dass das Projekt nicht bei Industrie- und Umweltgeschichte stehen bleibt.
Gesucht werden auch Menschen, die Einblicke in die damalige Verwaltung oder Sicherheitsorgane geben können. Ebenso sollen Erinnerungen aus Hochschulen, Bildungswesen, der Nationalen Volksarmee und kirchlicher Arbeit in das Forschungsprojekt einfließen.
Dadurch könnte ein differenziertes Bild jener Jahre entstehen: Arbeitsalltag neben politischer Kontrolle, wirtschaftliche Bedeutung neben Umweltproblemen, staatliche Institutionen neben kirchlichem Engagement und schließlich die Umbrüche rund um 1989 und 1990.
Ausstellung ist für 2027 geplant
Der ursprüngliche öffentliche Aufruf der Museen erschien bereits im Januar 2026 im Zittauer Stadtanzeiger. Damals wurden Rückmeldungen zunächst bis Ende Februar erbeten.
Da die Ausstellung erst 2027 realisiert werden soll, bleibt das Forschungsprojekt selbst aktuell. Wer heute noch Material oder persönliche Erinnerungen beitragen möchte, sollte deshalb vor einer Zusendung direkt bei den Städtischen Museen nachfragen, ob weitere Zeitzeugenbeiträge weiterhin angenommen werden.
Das Kulturhistorische Museum Franziskanerkloster ist unter museum@zittau.de erreichbar; auf der offiziellen Museumsseite nennt die Stadt zudem Ansprechpartner und Kontaktdaten der Städtischen Museen.
Für Zittau bietet das Projekt die Chance, ein Stück jüngerer Stadtgeschichte nicht nur aus Akten, sondern aus der Erinnerung derjenigen zu erzählen, die diese Zeit selbst erlebt haben.
Quellen und Datenbasis
- Zittauer Stadtanzeiger, Ausgabe Nr. 383 vom 12. Januar 2026: Aufruf der Städtischen Museen Zittau zum Forschungs- und Ausstellungsprojekt „Endspiel im ‚Schwarzen Dreieck‘“.
- Stadt Zittau, Besucherservice der Städtischen Museen Zittau mit aktuellen Kontaktinformationen.
- Stadt Zittau, Angaben zu den Beständen des Stadtarchivs und zur zeitgeschichtlichen Sammlung.