Die Stimmung in der ostdeutschen Wirtschaft hat sich weiter verschlechtert. Nach dem Transformationsbarometer 2026 des Ostdeutschen Wirtschaftsforums bewerten 49 Prozent der befragten Wirtschaftsentscheider die allgemeine Lage in Ostdeutschland negativ. Im Vorjahr waren es 44,9 Prozent. Nur noch rund ein Viertel kommt zu einer positiven Einschätzung. Grundlage ist eine Befragung von 1.500 Entscheidern aus privatwirtschaftlichen Unternehmen in Ostdeutschland und Berlin.
Thüringen und Sachsen-Anhalt besonders pessimistisch
Am schlechtesten wird die Wirtschaftslage in Thüringen und Sachsen-Anhalt beurteilt.
In Thüringen äußerten sich 60 Prozent der Befragten negativ, in Sachsen-Anhalt waren es 59 Prozent. Damit fällt die Stimmung dort noch deutlich schwächer aus als im ostdeutschen Durchschnitt.
Die Zahlen spiegeln die besondere Wirtschaftsstruktur beider Länder wider. Viele Regionen sind von mittelständischer Industrie, Automobilzulieferern, Maschinenbau, Chemie und energieintensiver Produktion abhängig.
Gerade diese Branchen leiden unter hohen Kosten, schwacher Nachfrage und wachsendem internationalen Wettbewerbsdruck.
57 Prozent sehen dennoch großes Potenzial
Die schlechte Bewertung der aktuellen Lage bedeutet nicht, dass die Unternehmen Ostdeutschland grundsätzlich abschreiben.
57 Prozent sehen weiterhin ein großes wirtschaftliches Potenzial. Als Stärken gelten verfügbare Gewerbeflächen, vergleichsweise gute Verkehrsanbindungen und die Nähe zu Hochschulen, Forschungsinstituten und technischen Netzwerken.
Darin liegt der zentrale Widerspruch des Transformationsbarometers: Die Voraussetzungen werden vielerorts positiv bewertet, gleichzeitig fehlt den Unternehmen das Vertrauen, dass daraus unter den derzeitigen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen Wachstum entsteht.
Unternehmen vermissen politische Wirkung
53 Prozent der Befragten spüren nach eigenen Angaben keine positiven Auswirkungen der aktuellen wirtschaftspolitischen Maßnahmen auf ihren Betrieb.
Gefragt wurde unter anderem nach dem Ausbau digitaler Infrastruktur, dem Bürokratieabbau, niedrigeren Energiepreisen und der staatlichen Investitionsförderung.
Das Ergebnis ist ein deutliches Warnsignal.
Es reicht nicht, Förderprogramme anzukündigen oder Gesetze mit großen Überschriften zu versehen. Verbesserungen müssen im Betriebsalltag ankommen – bei Genehmigungszeiten, Stromrechnungen, Steuern und verfügbaren Fachkräften.
Bürokratieabbau ist wichtigste Forderung
66 Prozent der Wirtschaftsentscheider fordern einen spürbaren Abbau von Bürokratie.
Damit liegt dieses Thema noch vor der Senkung der Energiepreise, die von 54 Prozent als besonders wichtig bezeichnet wird. Auch Steuererleichterungen gehören zu den am häufigsten genannten Forderungen.
Vor allem kleine und mittlere Unternehmen können Meldepflichten, Dokumentationen und komplizierte Förderverfahren nicht auf große Verwaltungsabteilungen verteilen.
Jede zusätzliche Vorgabe bindet dort Mitarbeiter, die anschließend in Produktion, Vertrieb oder Kundenbetreuung fehlen.
Hohe Energiepreise treffen den Osten besonders hart
Ostdeutschland besitzt weiterhin bedeutende industrielle Kerne.
Chemieunternehmen in Leuna, Schkopau, Bitterfeld-Wolfen, Schwarzheide und der Lausitz benötigen große Mengen Strom und Gas. Gleiches gilt für Metallverarbeitung, Baustoffproduktion, Glasindustrie und Teile des Maschinenbaus.
Hohe Energiepreise gefährden dort nicht nur einzelne Firmen. Sie treffen ganze Lieferketten, Industriestandorte und kommunale Steuereinnahmen.
Verlagert ein großer Betrieb seine Produktion, verlieren häufig auch Handwerker, Logistiker und regionale Dienstleister Aufträge.
Chemie und Maschinenbau stehen unter besonderem Druck
Das Transformationsbarometer sieht die schwächsten Aussichten in der Chemieindustrie sowie im Fahrzeug- und Maschinenbau.
Diese Branchen kämpfen gleichzeitig mit hohen Produktionskosten, schwacher Nachfrage, Konkurrenz aus China und der Umstellung auf neue Technologien.
Gerade im Fahrzeugbau verändert der Übergang zur Elektromobilität die bisherigen Lieferketten. Bauteile für Verbrennungsmotoren werden künftig weniger benötigt, während Batterietechnik, Software und Leistungselektronik an Bedeutung gewinnen.
Nicht jeder bestehende Zulieferer kann diesen Wandel aus eigener Kraft finanzieren.
Erneuerbare Energien und Halbleiter gelten als Hoffnungsträger
Die größten Wachstumsmöglichkeiten sehen die Befragten bei erneuerbaren Energien, der Halbleiterindustrie und der Verteidigungswirtschaft.
Dresden besitzt bereits einen bedeutenden europäischen Halbleiterstandort. In Brandenburg und der Lausitz entstehen große Solar-, Wind- und Speicherprojekte. Mecklenburg-Vorpommern profitiert von Häfen, Offshore-Windenergie und maritimer Wirtschaft.
Diese Wachstumsfelder können neue Arbeitsplätze schaffen.
Sie ersetzen jedoch nicht automatisch die Stellen, die in traditionellen Industrien verloren gehen. Forschung, Chipproduktion und moderne Energietechnik verlangen teilweise andere Qualifikationen und konzentrieren sich auf wenige Standorte.
Großinvestitionen allein lösen das Problem nicht
Ostdeutschland hat in den vergangenen Jahren mehrere international beachtete Ansiedlungen gewonnen.
Dazu gehören Halbleiterprojekte in Dresden, das Tesla-Werk in Grünheide, Batterievorhaben und neue Forschungszentren. Gleichzeitig wurden manche angekündigten Großinvestitionen verschoben, verkleinert oder von zusätzlichen staatlichen Hilfen abhängig gemacht.
Diese Erfahrungen zeigen, wie riskant es ist, die Wirtschaftsentwicklung einzelner Regionen an wenige Konzerne zu binden.
Der Mittelstand benötigt mindestens ebenso viel politische Aufmerksamkeit wie eine milliardenschwere Großansiedlung.
Investitionen werden durch Unsicherheit gebremst
Unternehmen investieren, wenn sie erwarten können, dass sich eine Anlage, ein Gebäude oder eine neue Produktionslinie über viele Jahre rechnet.
Häufig wechselnde Förderregeln, unklare Energiepolitik und lange Genehmigungen erschweren solche Entscheidungen.
Eine Vertrauenskrise wirkt deshalb unmittelbar auf die wirtschaftliche Entwicklung. Betriebe verschieben Investitionen, stellen weniger Personal ein oder bauen neue Kapazitäten lieber an anderen Standorten auf.
Die Folgen werden oft erst Jahre später sichtbar.
Demografischer Wandel verschärft die Lage
Die ostdeutsche Wirtschaft kämpft zusätzlich mit einer alternden Bevölkerung.
Viele erfahrene Beschäftigte gehen in den kommenden Jahren in den Ruhestand. Gleichzeitig rücken in zahlreichen Regionen deutlich weniger junge Menschen nach.
Der Fachkräftemangel betrifft nicht nur Spezialisten. Auch Handwerk, Pflege, Verwaltung, Gastronomie, Transport und industrielle Produktion suchen Personal.
Unternehmen können Aufträge teilweise nicht annehmen, obwohl genügend Nachfrage vorhanden wäre.
Junge Menschen brauchen erkennbare Perspektiven
Ostdeutsche Betriebe müssen stärker ausbilden und Jugendlichen attraktive Perspektiven bieten.
Dazu gehören angemessene Löhne, moderne Arbeitsbedingungen und nachvollziehbare Aufstiegsmöglichkeiten. Gleichzeitig müssen Schulen eine verlässliche Berufsorientierung leisten.
Es ist ein politisches und wirtschaftliches Versagen, wenn Unternehmen über Fachkräftemangel klagen, während junge Menschen keinen passenden Ausbildungsplatz finden.
Ausbildung und betrieblicher Bedarf müssen besser zusammengebracht werden.
Ländliche Regionen dürfen nicht abgehängt werden
Wirtschaftliches Wachstum konzentriert sich zunehmend in Berlin, Leipzig, Dresden, Jena, Potsdam und einigen weiteren Zentren.
Kleinere Städte und ländliche Räume verlieren dagegen teilweise Einwohner, Geschäfte, Banken und medizinische Angebote.
Ein Unternehmen investiert nur ungern an einem Ort, an dem Beschäftigte keine Wohnung finden, die Schule unsicher ist oder der letzte Bus am frühen Abend fährt.
Wirtschaftspolitik muss deshalb auch Infrastrukturpolitik sein.
Gute Straßen und schnelles Internet bleiben Grundvoraussetzung
Die Nähe zu Forschung und Verkehrswegen wird von den Unternehmen als Stärke Ostdeutschlands wahrgenommen.
Diese Vorteile sind jedoch regional sehr unterschiedlich verteilt. Während große Industriegebiete gut angebunden sind, warten manche kleinere Gewerbestandorte weiter auf schnelle Bahnverbindungen, leistungsfähige Straßen und stabile digitale Netze.
Ein Glasfaseranschluss darf im Jahr 2026 kein Standortvorteil mehr sein. Er muss zur Grundausstattung gehören.
Aktuelles Geschäftsklima zeigt erste Aufhellung
Das jüngste Geschäftsklima des Ifo-Instituts zeichnet für Juli ein etwas freundlicheres Bild.
Insbesondere im ostdeutschen Verarbeitenden Gewerbe verbesserten sich sowohl die Bewertung der aktuellen Lage als auch die Erwartungen für die kommenden Monate deutlich.
Das ist ein positives Signal, aber noch keine nachhaltige Trendwende.
Monatliche Stimmungsindikatoren können schwanken. Das Transformationsbarometer beschreibt dagegen tiefer liegende Zweifel an Standortbedingungen und politischer Verlässlichkeit.
Schlechte Stimmung kann sich selbst verstärken
Pessimismus allein schließt keine Fabrik.
Dauerhaft negative Erwartungen können jedoch dazu führen, dass Unternehmen weniger investieren, Banken vorsichtiger finanzieren und Beschäftigte größere Anschaffungen verschieben.
Dadurch sinkt die Nachfrage zusätzlich.
Politik sollte die Lage deshalb weder schönreden noch durch ständig neue Krisenrhetorik verschärfen. Gefragt sind nachvollziehbare Entscheidungen und messbare Verbesserungen.
Ostdeutschland braucht keine dauerhafte Sonderrolle
Die Region besitzt moderne Industrie, erfolgreiche Mittelständler, gut ausgebildete Beschäftigte und leistungsfähige Forschungsstandorte.
Ostdeutschland sollte deshalb nicht dauerhaft als Fördergebiet oder wirtschaftlicher Problemfall betrachtet werden.
Gleichzeitig müssen strukturelle Nachteile offen benannt werden: geringere Unternehmenszentralen, weniger privates Kapital, schwächere Tarifbindung und eine dünnere Wirtschaftsstruktur in vielen ländlichen Gebieten.
Diese Unterschiede verschwinden nicht durch politische Erfolgsmeldungen.
Wirtschaftspolitik muss wieder berechenbar werden
Die Unternehmen verlangen nicht in erster Linie neue Subventionen.
Sie benötigen bezahlbare Energie, schnellere Genehmigungen, wettbewerbsfähige Steuern und verlässliche Regeln. Staatliche Unterstützung sollte gezielt dort eingesetzt werden, wo neue Technologien, Infrastruktur oder außergewöhnlich hohe Investitionsrisiken einen Anschub benötigen.
Dauerhafte Zuschüsse können jedoch kein tragfähiges Geschäftsmodell ersetzen.
Fast 50 Prozent sind ein politisches Alarmsignal
Wenn fast jeder zweite Wirtschaftsentscheider die allgemeine Lage negativ bewertet, darf die Politik das nicht als vorübergehende Stimmung abtun.
Noch besitzt Ostdeutschland erhebliche Chancen. 57 Prozent der Befragten erkennen dieses Potenzial ausdrücklich.
Die entscheidende Aufgabe besteht darin, aus vorhandenen Flächen, Forschung, Industrieerfahrung und qualifizierten Beschäftigten neues Wachstum zu schaffen.
Dafür braucht es keine weiteren unverbindlichen Transformationskonferenzen, sondern sichtbare Entlastungen im Unternehmensalltag.
Erst wenn Betriebe wieder investieren, ausbilden und neue Mitarbeiter einstellen, wird sich auch die Stimmung dauerhaft verbessern.
Quellen
Ostdeutsches Wirtschaftsforum, „OWF-Transformationsbarometer 2026: Vertrauenskrise bremst Investitionen“, veröffentlicht am 28. Mai 2026
Deutsche Kreditbank und Deutschland – Land der Ideen, Ergebnisse des OWF-Transformationsbarometers 2026, veröffentlicht am 28. Mai 2026
Civey, repräsentative Befragung von 1.500 privatwirtschaftlichen Entscheidern in Ostdeutschland und Berlin, Erhebungszeitraum Februar bis April 2026
Ostdeutschland.info, „Wirtschaftliche Situation in Ostdeutschland hat sich weiter verschlechtert“, veröffentlicht am 1. Juni 2026
Ifo-Institut Dresden, „Ifo-Geschäftsklima Ostdeutschland: Erwärmung hält im Hochsommer an“, veröffentlicht am 31. Juli 2026