Die Petition für eine weiterhin umsteigefreie Bahnverbindung zwischen Schwedt und Berlin hat knapp drei Monate nach ihrem Start mehr als 5.400 Unterstützer gewonnen. Die Initiatoren sehen darin ein deutliches Signal gegen die geplante Veränderung des Regionalverkehrs in der Uckermark.
Die Befürchtung: Sollte die bisherige Direktverbindung entfallen, müssten Reisende aus Schwedt und Pinnow künftig in Angermünde umsteigen. Vertreter aus Kommunalpolitik, Wirtschaft und Arbeitsverwaltung warnen vor längeren Reisezeiten, zusätzlichen Unsicherheiten und einer Schwächung des Wirtschaftsstandorts.
Frühere Zusage aus dem Verkehrsministerium
Die Zwischenbilanz erscheint wenige Tage vor dem Jahrestag einer politischen Zusicherung. Am 28. Juli 2025 hatte der damalige brandenburgische Verkehrsminister Detlef Tabbert der Schwedter Bürgermeisterin Annekathrin Hoppe schriftlich mitgeteilt, dass eine Direktverbindung aus Schwedt in Richtung Berlin weiterhin vorgesehen sei.
Die Initiatoren der Petition sehen diese Aussage nun im Widerspruch zu den aktuellen Planungen.
Aus ihrer Sicht fehlt bislang eine überzeugende Erklärung, warum die Verbindung trotz der damaligen Zusage nicht dauerhaft umsteigefrei erhalten werden soll.
Unterstützung aus Schwedt und dem Kreistag
Während die Reaktionen aus Potsdam und vom Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg aus Sicht der Petenten enttäuschend ausfallen, ist die Unterstützung vor Ort groß.
Die Stadtverordnetenversammlung Schwedt hat sich für den Erhalt der Direktverbindung ausgesprochen. Auch der Kreistag Uckermark fasste am 24. Juni 2026 einen einstimmigen Beschluss für eine durchgehende Bahnverbindung zwischen Berlin, Pinnow und Schwedt.
Damit steht die Forderung nicht allein hinter einer privaten Petition. Sie wird auch von kommunalen Vertretungen getragen.
Wirtschaft warnt vor Standortnachteil
Kritik kommt zudem aus der regionalen Wirtschaft und von der Arbeitsverwaltung.
Die Leiterin der Agentur für Arbeit Eberswalde, Constanze Hildebrandt, und Vertreter von Unternehmen warnten nach Angaben der Initiative vor den Folgen eines erschwerten Zugangs zum Berliner Arbeitsmarkt.
Für Schwedt ist die Verbindung zur Hauptstadt von besonderer Bedeutung. Viele Menschen pendeln zur Arbeit, zur Ausbildung oder zum Studium. Gleichzeitig sind Unternehmen darauf angewiesen, Fachkräfte aus anderen Regionen zu erreichen.
Ein zusätzlicher Umstieg kann vor allem bei Verspätungen zum Problem werden. Wird ein Anschlusszug verpasst, verlängert sich die Reise deutlich.
Niedrige Geburtenrate erhöht den Fachkräftebedarf
Die Petition verbindet die Bahnfrage auch mit der demografischen Entwicklung der Region.
Eine niedrige Geburtenrate und der bereits bestehende Fachkräftemangel erhöhen den Druck auf Unternehmen, Beschäftigte von außerhalb zu gewinnen. Eine zuverlässige Direktverbindung nach Berlin könnte dabei ein wichtiger Standortvorteil sein.
Fällt sie weg, könnte Schwedt aus Sicht der Unterstützer für Pendler, Investoren und neue Einwohner weniger attraktiv werden.
Die Diskussion reicht damit weit über Komfortfragen im Bahnverkehr hinaus. Sie betrifft Arbeitsplätze, Bevölkerungsentwicklung und die Zukunftsfähigkeit der Uckermark.
Petent bezweifelt finanzielle Begründung
Die Landesregierung verweist nach Darstellung der Petition auf begrenzte finanzielle Möglichkeiten im Regionalverkehr.
Petent Dietrich Klein hat deshalb Zahlen des brandenburgischen Verkehrsministeriums ausgewertet. Nach seiner Darstellung beliefen sich die Kosten des Schienenpersonennahverkehrs in Brandenburg im Jahr 2025 auf insgesamt 747 Millionen Euro.
Rund 570 Millionen Euro davon seien über Regionalisierungsmittel des Bundes finanziert worden. Ende 2024 hätten außerdem noch 418 Millionen Euro nicht ausgegebene Mittel aus Vorjahren zur Verfügung gestanden.
Die Initiative folgert daraus, dass finanzielle Reserven vorhanden seien und eine Streichung der Direktverbindung nicht allein mit fehlendem Geld erklärt werden könne.
Diese Berechnung und ihre Bewertung stammen vom Petenten. Eine abschließende Stellungnahme des Verkehrsministeriums zu dieser konkreten Argumentation liegt in der Mitteilung nicht vor.
Kritik an Prioritäten des Landes
Zusätzliche Kritik entzündet sich an den Planungen für das künftige Netz Nord-Süd.
Nach Angaben des brandenburgischen Infrastrukturministeriums soll die Regionalexpresslinie RE3 künftig ohne Umstieg Stralsund, Angermünde, Berlin, Luckenwalde und Wittenberg verbinden. Für diese Linie seien zwölf neue doppelstöckige Fahrzeuge vorgesehen.
Die Petitionsinitiatoren sehen darin einen Widerspruch: Während eine große durchgehende Nord-Süd-Verbindung ausgebaut werde, drohe Schwedt den direkten Anschluss an Berlin zu verlieren.
Aus ihrer Sicht konzentriere sich das Land stärker auf öffentlichkeitswirksame Hauptlinien als auf die konkrete Daseinsvorsorge in der Uckermark.
Das Ministerium bezeichnet die künftige RE3-Verbindung als wichtigen Bestandteil des neuen Verkehrsangebotes. Die daraus gezogene Kritik an der Schwedter Anbindung ist eine politische Bewertung der Petition.
Umstieg könnte Verbindung dauerhaft schwächen
Die Initiatoren befürchten, dass eine einmal gekappte Direktverbindung später nur schwer wiederhergestellt werden kann.
Fahrpläne, Fahrzeugumläufe und Verkehrsverträge werden meist für mehrere Jahre festgelegt. Wird Schwedt zunächst nur noch über einen Zubringer nach Angermünde angebunden, könnte diese Struktur langfristig bestehen bleiben.
Die Petition will deshalb erreichen, dass die Entscheidung vor der endgültigen Umsetzung noch einmal überprüft wird.
Mehr als eine Frage der Fahrzeit
Eine direkte Verbindung bietet gegenüber einem Umstieg mehrere Vorteile:
- weniger Risiko bei Verspätungen,
- bessere Bedingungen für ältere und mobilitätseingeschränkte Reisende,
- einfachere Fahrten mit Kindern und Gepäck,
- höhere Attraktivität für Berufspendler,
- bessere Erreichbarkeit von Schwedt für Besucher und Fachkräfte.
Gerade in ländlich geprägten Regionen kann eine zuverlässige Schienenverbindung eine wichtige Voraussetzung dafür sein, dass Menschen auf das Auto verzichten können.
Petition will politischen Druck erhöhen
Die Unterstützer wollen in den kommenden Monaten weiter für ihre Forderung werben.
Geplant sind zusätzliche Gespräche mit politischen Entscheidungsträgern, mehr Öffentlichkeit für die Planungen des Verkehrsministeriums und die Gewinnung weiterer Unterstützer.
Die Initiatoren zeigen sich trotz bisheriger Enttäuschungen weiterhin zuversichtlich. Das bisherige Ergebnis von mehr als 5.400 Unterschriften sehen sie als Grundlage, um den politischen Druck auf Land und VBB zu erhöhen.
Forderung nach einer klaren Antwort
Offen bleibt, wie die Landesregierung die frühere Zusicherung einer Direktverbindung mit den aktuellen Planungen vereinbart.
Die Stadt Schwedt und die Unterstützer der Petition erwarten eine klare Aussage dazu, ob und in welcher Form künftig eine umsteigefreie Verbindung nach Berlin angeboten werden soll.
Ebenso ungeklärt ist, welche konkreten Mehrkosten der Erhalt verursachen würde und welche betrieblichen Gründe gegen eine Weiterführung sprechen.
Eine transparente Darstellung dieser Punkte könnte helfen, die Diskussion zu versachlichen.
Mehr als 5.400 Menschen unterstützen inzwischen die Petition für eine direkte Bahnverbindung zwischen Schwedt und Berlin.
Auch die Stadtverordnetenversammlung und der Kreistag Uckermark haben sich für den Erhalt der umsteigefreien Verbindung ausgesprochen. Wirtschaft und Arbeitsagentur warnen vor Nachteilen für Pendler, Fachkräftegewinnung und Standortentwicklung.
Die Petitionsinitiatoren bezweifeln, dass finanzielle Gründe eine Kappung rechtfertigen. Sie fordern Landesregierung und VBB auf, die Planungen zu überdenken und eine klare Perspektive für Schwedt vorzulegen.
Quelle:
Zwischenbilanz zur Petition für die direkte Bahnverbindung Schwedt–Berlin vom 22. Juli 2026. Die Angaben zu Unterstützerzahlen, Haushaltsmitteln und politischen Gesprächen beruhen auf der Darstellung des Petenten.