Bislang war öffentlich von etwa 650 Neubauwohnungen die Rede. Nach einer aktuellen Auskunft des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf geht die Planung inzwischen jedoch von 700 bis 800 Wohnungen aus. Das Gelände liegt nahe dem Berliner Olympiastadion und gehört der Deutsche Wohnen, die inzwischen zum Vonovia-Konzern zählt.
Die bestehende Siedlung umfasst rund 200 Wohnungen in überwiegend zweigeschossigen Gebäuden aus den 1950er-Jahren. Sie ist durch großzügige Grünflächen, Bäume und familiengerechte Drei- und Vier-Zimmer-Wohnungen geprägt. Der Bezirk beschreibt die Siedlung als weitläufiges Wohngebiet mit vergleichsweise preiswerten Mietwohnungen.
Die vorhandenen Häuser sollen nach den Plänen vollständig abgerissen werden. Neben den neuen Wohnungen sind auf dem Gelände ein Supermarkt und eine Kindertagesstätte vorgesehen.
Planung läuft seit mehr als zehn Jahren
Die Neubebauung wird bereits seit 2013 vorbereitet. Seit 2021 besteht zwischen dem Bezirk und der Deutsche Wohnen ein städtebaulicher Vertrag. Ein rechtskräftiges Baurecht für das Gesamtvorhaben wurde bislang jedoch nicht geschaffen. Die Planungen wurden in den vergangenen Jahren mehrfach verändert.
Bereits 2022 hatte das Bezirksamt beschlossen, das Bebauungsplanverfahren fortzusetzen. Damals wurde der Entwurf öffentlich ausgelegt und Bürger konnten Stellungnahmen zu dem Bauvorhaben abgeben.
Die Deutsche Wohnen hält nach aktuellem Stand einen Baubeginn frühestens im Jahr 2028 für möglich. Voraussetzung dafür sind abgeschlossene Genehmigungsverfahren.
Streit um leerstehende Wohnungen
Besonders umstritten ist der langjährige Leerstand in der Siedlung. Nach Angaben der Bürgerinitiative Siedlung Westend stehen etwa 100 der rund 200 Wohnungen leer. Der Bezirk bestätigte dem rbb diese Größenordnung.
Die Bürgerinitiative wirft der Eigentümerin vor, Teile des Bestands über Jahre nur unzureichend instand gehalten zu haben. Außerdem kritisiert sie, dass die leerstehenden Wohnungen trotz des angespannten Berliner Wohnungsmarktes nicht vorübergehend vermietet wurden.
Die Deutsche Wohnen verweist darauf, dass der Leerstand mit dem geplanten Abriss und der schrittweisen Freimachung des Geländes zusammenhänge. Auch das Bezirksamt hält den Leerstand angesichts der vorgesehenen Ersatzwohnungen teilweise für nachvollziehbar. Rückblickend wäre eine zeitlich begrenzte Nutzung einzelner Wohnungen nach Einschätzung des Bezirks jedoch wünschenswert gewesen.
Mietbedingungen bleiben offen
Nach Angaben der Deutsche Wohnen soll rund die Hälfte der neu errichteten Wohnungen zu preisgedämpften Mieten angeboten werden. Konkrete Angaben zur Höhe dieser Mieten oder zur Dauer einer möglichen Bindung liegen bislang nicht vor.
Den noch in der Siedlung lebenden Mietern sollen Ersatzwohnungen angeboten werden. Zudem ist vorgesehen, ihnen nach Abschluss des Neubaus eine Rückkehr in das Quartier zu ermöglichen.
Ungeklärt ist jedoch, ob die Bewohner ihre bisherigen Mietbedingungen behalten können. Gerade die vergleichsweise niedrigen Bestandsmieten machen diese Frage für viele Haushalte entscheidend. Ein Rückkehrrecht allein schützt nicht automatisch vor deutlich höheren Wohnkosten.
Die Bürgerinitiative fordert deshalb verbindliche Vereinbarungen über Miethöhen, Umzugskosten und Rückkehrbedingungen. Sie befürchtet außerdem, dass beschleunigte Genehmigungsverfahren die Beteiligungsmöglichkeiten der Anwohner einschränken könnten.
Mehr Wohnraum, aber weniger gewachsene Struktur
Rechnerisch würde sich die Zahl der Wohnungen auf dem Gelände mindestens verdreifachen. Aus rund 200 Bestandswohnungen könnten bis zu 800 neue Wohnungen werden. Das würde zusätzlichen Wohnraum in einem gefragten Teil Berlins schaffen.
Gleichzeitig würde die heutige Struktur der Siedlung vollständig verschwinden. Die niedrigen Gebäude, großen Grünflächen und der alte Baumbestand prägen das Quartier seit Jahrzehnten. Die geplante Verdichtung dürfte deshalb nicht nur die Zahl der Wohnungen, sondern auch den Charakter des Wohngebietes deutlich verändern.
Das Vorhaben steht damit beispielhaft für einen zentralen Konflikt der Berliner Stadtentwicklung: Die Stadt benötigt dringend neue Wohnungen, gleichzeitig müssen bestehende Mietverhältnisse, Grünflächen und gewachsene Nachbarschaften berücksichtigt werden.
Wie es weitergeht
Vor einem möglichen Baustart müssen das Bebauungsplanverfahren abgeschlossen, das Baurecht geschaffen und die endgültige Zahl der Wohnungen festgelegt werden. Ebenfalls offen sind die konkrete Gestaltung der Gebäude, der Umgang mit dem Baumbestand und verbindliche Regelungen für die Bestandsmieter.
Der angekündigte Baustart im Jahr 2028 ist daher noch nicht gesichert. Nach mehr als zehn Jahren Planung hängt der weitere Verlauf vor allem davon ab, ob Bezirk, Eigentümer und Bewohner zu tragfähigen Vereinbarungen kommen.
Die Neubebauung der Westend-Siedlung könnte mehrere Hundert zusätzliche Wohnungen schaffen. Zugleich sollen dafür rund 200 bestehende und teilweise günstige Wohnungen verschwinden.
Entscheidend wird sein, ob der neue Wohnraum tatsächlich bezahlbar bleibt und ob die heutigen Bewohner verbindlich vor Verdrängung geschützt werden. Ohne klare Mietzusagen und einen nachvollziehbaren Zeitplan dürfte der Streit um das Projekt weitergehen.
Quellen
– Rundfunk Berlin-Brandenburg: „Alliiertensiedlung Westend soll für mehr Neubau als bislang geplant weichen“, veröffentlicht am 22. Juli 2026.
– Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf: Informationen zur Siedlung Westend und zum Bebauungsplanverfahren, veröffentlicht am 14. August 2023.
– Deutsche Wohnen: Unternehmensinformationen und Angaben zum Berliner Wohnungsbestand, abgerufen am 23. Juli 2026.