Bereits 2021 erreichte die SPD nur 8,4 Prozent
Bei der Landtagswahl 2021 kam die SPD auf 8,4 Prozent. Es war schon damals ihr schlechtestes Ergebnis bei einer Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.
Trotzdem zog die Partei erneut in die Regierung ein. Gemeinsam mit CDU und FDP bildete sie die sogenannte Deutschland-Koalition. Die SPD erhielt dadurch Ministerien und politischen Einfluss, konnte diesen Vorteil in den Umfragen aber bislang nicht in zusätzliche Zustimmung umwandeln.
Stattdessen droht der nächste Verlust. Sieben Prozent wären gegenüber 2021 ein weiteres Minus. Bei einem Ergebnis nahe fünf Prozent müsste die Partei bis zum Wahlabend um den Wiedereinzug zittern.
Willingmann führt eine Partei ohne Aufbruchsstimmung
Spitzenkandidat der SPD ist Armin Willingmann. Der Wissenschaftsminister gehört seit Jahren zur Landesregierung und steht für politische Erfahrung.
Genau darin liegt jedoch ein Problem. Die SPD kann sich kaum als Kraft des Neuanfangs präsentieren, weil sie selbst Teil der Regierung ist. Zugleich gelingt es ihr nicht, die Erfolge der Koalition deutlich mit der eigenen Partei zu verbinden.
Viele Wähler nehmen Ministerpräsident und Regierung vor allem über die CDU wahr. Die SPD bleibt dagegen trotz eigener Ministerien im Hintergrund.
Willingmann muss deshalb in wenigen Wochen schaffen, was der Partei über Jahre nicht gelungen ist: ein eigenständiges Profil zwischen CDU, Linken und AfD sichtbar zu machen.
Regierungsbeteiligung bringt der SPD kaum Anerkennung
Die Deutschland-Koalition aus CDU, SPD und FDP verfügt im Landtag über eine klare Mehrheit. In der Bevölkerung ist die Zufriedenheit mit der Regierung dennoch gering.
In der aktuellen Infratest-dimap-Erhebung zeigten sich nur 29 Prozent mit der Arbeit der Landesregierung zufrieden. Diese Unzufriedenheit trifft auch die SPD, obwohl sie nicht den Ministerpräsidenten stellt.
Für kleinere Koalitionspartner entsteht regelmäßig ein schwieriger Spagat: Sie müssen Kompromisse mittragen, können Erfolge aber nur selten allein für sich beanspruchen.
Scheitert ein Vorhaben, werden sie als Teil der Regierung verantwortlich gemacht. Gelingt etwas, profitiert häufig die führende Partei.
AfD und Linke nehmen der SPD Wähler ab
Die politische Konkurrenz ist für die SPD besonders hart. Die AfD liegt in der jüngsten Infratest-dimap-Umfrage bei 41 Prozent, die CDU bei 24 Prozent und die Linke bei 13 Prozent. Die SPD folgt mit sieben Prozent erst auf dem vierten Platz.
In klassischen sozialdemokratischen Wählergruppen hat die Partei erheblich an Bindungskraft verloren. Arbeiter, Menschen mit niedrigen Einkommen und Wähler in strukturschwachen Regionen wenden sich teilweise der AfD oder der Linken zu.
Die SPD muss deshalb gleichzeitig in zwei Richtungen kämpfen: gegen die AfD als stärkste Protest- und Oppositionskraft sowie gegen die Linke, die soziale Themen offensiver besetzt.
Hinzu kommt die CDU, die sich als staatstragende Kraft der Mitte präsentiert und viele ältere Wähler bindet.
Soziale Themen reichen allein nicht mehr
Die SPD setzt traditionell auf gute Arbeit, höhere Löhne, Bildung, soziale Sicherheit und bezahlbares Wohnen.
Diese Themen sind in Sachsen-Anhalt zweifellos wichtig. Viele Menschen erleben niedrige Einkommen, steigende Lebenshaltungskosten, lange Wege zu Ärzten und einen Rückgang öffentlicher Angebote.
Das Problem liegt weniger bei den Themen als bei der Glaubwürdigkeit. Wer seit Jahren in Bund und Land mitregiert, kann Missstände nicht ausschließlich anderen Parteien zuschreiben.
Die SPD muss konkret erklären, welche Entscheidungen sie in der Landesregierung durchgesetzt hat, woran sie gescheitert ist und was sie nach der Wahl anders machen will.
Allgemeine Versprechen werden kaum ausreichen, um enttäuschte frühere Wähler zurückzugewinnen.
Debatte über Drei-Prozent-Hürde wirkt defensiv
Zusätzliche Aufmerksamkeit erhielt Willingmann mit seiner Forderung, über eine Absenkung der Sperrklausel von fünf auf drei Prozent zu diskutieren.
Er begründet dies damit, dass viele Stimmen für kleinere Parteien durch die Fünfprozenthürde nicht im Parlament abgebildet werden. Die Diskussion ist grundsätzlich legitim.
In der gegenwärtigen Lage wirkt sie für die SPD jedoch defensiv. Wenn der Spitzenkandidat einer Partei, die selbst nahe an der Sperrklausel liegt, eine niedrigere Hürde vorschlägt, entsteht zwangsläufig der Eindruck, er bereite sich auf ein schwaches Ergebnis vor.
Willingmann muss deshalb deutlich machen, dass die SPD nicht auf eine Rettung durch veränderte Wahlregeln setzt, sondern aus eigener Kraft deutlich über fünf Prozent kommen will.
Ein Ausscheiden würde die Mehrheitsbildung erschweren
Die Schwäche der SPD ist nicht nur ein parteiinternes Problem. Sie beeinflusst die gesamte Regierungsbildung.
CDU, SPD, Grüne, FDP und Linke schließen eine Zusammenarbeit mit der AfD aus. Gleichzeitig lehnt die CDU bislang auch ein Bündnis mit der Linken ab. Die SPD wiederum schließt neben der AfD eine Zusammenarbeit mit dem BSW aus.
Sollten SPD, Grüne, FDP oder BSW an der Fünfprozenthürde scheitern, würden viele Stimmen bei der Sitzverteilung nicht berücksichtigt. Dadurch könnte sich das Kräfteverhältnis im Landtag deutlich verändern.
Ein Ausscheiden der SPD würde mögliche Koalitionen weiter einschränken und den Druck auf die CDU erhöhen, ihre bisherigen Ausschlüsse nach der Wahl zu erklären.
Bundes-SPD blickt nervös nach Magdeburg
Ein Ergebnis nahe fünf Prozent wäre nicht nur für den Landesverband eine schwere Niederlage.
Die SPD liegt auch bundesweit unter Druck. Innerhalb der Partei wächst die Kritik an der Führung durch Bärbel Bas und Lars Klingbeil. Ein Wahlfiasko in Sachsen-Anhalt könnte deshalb eine neue Personal- und Richtungsdebatte auslösen.
Dabei wäre es zu einfach, die Verantwortung allein nach Berlin zu schieben. Der Landesverband hat eigene Kandidaten, eigene Minister und seit Jahren Gestaltungsmöglichkeiten.
Dennoch beeinflusst das bundesweite Erscheinungsbild die Landtagswahl. Unbeliebte Entscheidungen der Bundesregierung werden auch Parteien in den Ländern zugerechnet.
Die SPD muss ihre Regierungsbilanz offenlegen
Für einen glaubwürdigen Endspurt braucht die Partei eine ehrliche Bilanz.
Sie sollte konkret benennen, welche Verbesserungen in Bildung, Wissenschaft, Wirtschaft, Arbeit und Sozialpolitik auf ihre Initiative zurückgehen.
Ebenso wichtig ist die Erklärung, weshalb andere Vorhaben nicht umgesetzt wurden. Wähler erkennen den Unterschied zwischen einem gescheiterten politischen Versuch und einem bloßen Wahlversprechen.
Die SPD muss außerdem deutlich machen, unter welchen Bedingungen sie erneut in eine Regierung eintreten würde. Zwei Drittel der Teilnehmer einer MDR-Befragung hielten es für wichtig, dass Parteien vor der Wahl mögliche Koalitionspartner benennen.
Fünf Wochen bleiben für eine politische Wende
Am 6. September wird ein neuer Landtag gewählt. Insgesamt dürfen 20 Parteien antreten. Die SPD geht mit 41 Kandidaten auf ihrer Landesliste in die Wahl.
Umfragen sind keine Wahlergebnisse. Sie besitzen Fehlertoleranzen, und viele Menschen entscheiden sich erst in den letzten Tagen.
Dennoch ist die Ausgangslage eindeutig: Die SPD befindet sich nicht nur in einem gewöhnlichen Wahlkampftief. Sie steht vor der Frage, ob sie in Sachsen-Anhalt noch als eigenständige politische Kraft wahrgenommen wird.
Ein Ergebnis von sechs oder sieben Prozent würde den Niedergang zunächst bremsen, aber nicht beenden. Ein Scheitern an der Fünfprozenthürde wäre dagegen ein historischer Einschnitt – für den Landesverband und möglicherweise für die gesamte Bundespartei.
Quellen
Infratest dimap, Sachsen-Anhalt-Trend zur Landtagswahl, veröffentlicht Ende Juli 2026
Wahlrecht.de, Übersicht der aktuellen Umfragen zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, Stand 2. August 2026
SPD Sachsen-Anhalt, Kandidaten und Landesliste zur Landtagswahl 2026, Stand August 2026