Eine Ausstellung, die es so noch nie gab

Unter dem Titel „Edmund Kesting. Avantgardist“ zeigt die Moritzburg erstmals das gesamte Spektrum seines Schaffens. Die Ausstellung reicht von frühen expressionistischen Holzschnitten über Gemälde und Collagen bis zu Fotografien, räumlichen Konstruktionen und experimentellen Arbeiten.

Die 227 Exponate sind in acht Kapiteln entlang von Kestings Lebensweg angeordnet. Zahlreiche Arbeiten werden erstmals öffentlich gezeigt. Ein erheblicher Teil des erhaltenen Werkes befindet sich bis heute nicht in Museen, sondern bei privaten Sammlern oder im Besitz seiner Nachkommen.

Die Schau ist deshalb mehr als eine gewöhnliche Retrospektive. Sie versucht, einen Künstler nachträglich in die deutsche Moderne einzuordnen, dessen Werk durch politische Ausgrenzung und eine lückenhafte öffentliche Sammlungsgeschichte lange kaum sichtbar war.

Früher Erfolg in Dresden und Berlin

Edmund Kesting wurde 1892 in Dresden geboren. Er studierte an der Dresdner Kunstgewerbeschule und an der Kunstakademie. Bereits 1916 erhielt er seine erste Einzelausstellung.

Später gründete er mit „Der Weg“ eine eigene Schule für Gestaltung. Der einflussreiche Berliner Galerist Herwarth Walden nahm Arbeiten Kestings in das Programm seiner Galerie „Der Sturm“ auf.

In den 1920er-Jahren beteiligte sich Kesting an Ausstellungen in Berlin, Moskau, New York, Buffalo und Toronto. Seine Arbeiten standen damit früh in einem internationalen Umfeld der europäischen und nordamerikanischen Avantgarde.

Kesting machte aus Bildern räumliche Konstruktionen

Kesting ließ sich keiner einzelnen Stilrichtung dauerhaft zuordnen. Er wechselte zwischen gegenständlicher und abstrakter Kunst und experimentierte mit Materialien, Fotografie und räumlichen Formen.

Besonders bedeutend sind seine sogenannten Bildbauwerke. Dabei schnitt, faltete und verschränkte er Leinwände oder verband sie mit Papier, Metall und reliefartigen Collagen. Die klassische zweidimensionale Malerei wurde dadurch zu einem räumlichen Objekt.

Kesting kombinierte außerdem Ausschnitte eigener Fotografien mit Zeichnungen, Zeitungen, Briefmarken und farbigem Papier. Er arbeitete mit Fotogrammen, Mehrfachbelichtungen und chemischen Verfahren. Seine Werke bewegten sich damit zwischen Malerei, Grafik, Fotografie und Objektkunst.

Nationalsozialisten diffamierten seine Kunst

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderten sich Kestings Arbeits- und Ausstellungsmöglichkeiten grundlegend. Seine moderne Kunst wurde als „entartet“ diffamiert.

Im Jahr 1937 entfernten die Behörden zwölf seiner Arbeiten aus deutschen Museen. Diese Werke wurden später zerstört. Ein vollständiges Berufs- oder Malverbot erhielt Kesting nach Angaben des Museums zwar nicht. Als Maler und Grafiker wurde er im offiziellen Kunstbetrieb jedoch kaum noch wahrgenommen.

Um seinen Lebensunterhalt zu sichern, arbeitete er verstärkt als Fotograf. Er porträtierte unter anderem Künstlerinnen wie Gret Palucca, Mary Wigman und Helene Weigel.

Im Auftrag der Stadt Dresden fotografierte er zudem Kunstschätze des Grünen Gewölbes und nächtliche Ansichten der barocken Innenstadt. Einige dieser Aufnahmen wurden später zu wichtigen Dokumenten des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Dresden.

Auch die DDR lehnte seine abstrakte Kunst ab

Nach 1945 fand Kesting auch in der DDR keine dauerhafte Anerkennung. In der sogenannten Formalismusdebatte wurde abstrakte oder ungegenständliche Kunst als westlich und gesellschaftlich unbrauchbar abgewertet. Gefordert wurde stattdessen eine Kunst, die sich am sozialistischen Realismus orientierte.

Kestings experimentelle Arbeiten passten nicht in diese kulturpolitischen Vorgaben. Seine Werke wurden wiederholt für die zentralen Kunstausstellungen der DDR abgelehnt.

Im Jahr 1953 verlor er seine Lehrtätigkeit. Damit war seine künstlerische Arbeit erneut von einem politischen System eingeschränkt worden. Museumsdirektor Thomas Bauer-Friedrich verweist darauf, dass Kesting während etwa der Hälfte seines Lebens wegen der Kulturpolitik zweier deutscher Diktaturen kaum öffentlich ausstellen konnte.

Das bekannteste Werk war ausgerechnet ein Ulbricht-Porträt

Kestings Stellung in der DDR blieb widersprüchlich. Seine abstrakte Malerei wurde zurückgewiesen, zugleich erhielt er einzelne öffentliche Aufträge als Fotograf.

Besonders weit verbreitet wurde ein von ihm aufgenommenes Porträt des damaligen DDR-Staats- und Parteichefs Walter Ulbricht. Das Bild diente als Vorlage für Briefmarken und erreichte dadurch eine Auflage, von der Kestings freie Kunst nur träumen konnte.

So wurde ausgerechnet ein staatlich genutztes Porträt sein wahrscheinlich bekanntestes Werk, während seine eigenen künstlerischen Experimente in der DDR kaum ausgestellt wurden.

Viele Arbeiten mussten erst wiedergefunden werden

Dass Kesting heute noch vergleichsweise unbekannt ist, hängt auch mit der Verteilung seines Nachlasses zusammen. Nur wenige seiner Werke gelangten dauerhaft in öffentliche Sammlungen.

Für die Ausstellung mussten zahlreiche Arbeiten bei privaten Sammlern und bei Nachkommen des Künstlers aufgespürt werden. Leihgaben kommen aus vier europäischen Ländern.

Damit wird in Halle erstmals sichtbar, wie umfangreich und vielseitig Kestings Lebenswerk tatsächlich war. Die Ausstellung schließt zugleich eine Lücke in der musealen Darstellung der ostdeutschen Moderne.

Von Halle nach Grenoble, Ahrenshoop und Hagen

Nach dem Ende der Ausstellung in Halle wird die Retrospektive weiterziehen. Vom 14. November 2026 bis zum 7. Februar 2027 soll sie im Musée de Grenoble gezeigt werden.

Weitere Stationen sind das Kunstmuseum Ahrenshoop vom 20. März bis zum 13. Juni 2027 und das Osthaus Museum Hagen vom 13. November 2027 bis zum 27. Februar 2028.

Begleitend zur Ausstellung erscheint ein 288 Seiten umfassender Katalog mit 364 Abbildungen. Teile der Veröffentlichung sind dreisprachig angelegt. Dadurch soll Kesting auch international stärker wahrgenommen werden.

Eintritt, Öffnungszeiten und Begleitprogramm

Die Sonderausstellung ist vom 2. August bis zum 25. Oktober 2026 im Kunstmuseum Moritzburg am Friedemann-Bach-Platz in Halle zu sehen.

Das Museum ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Mittwochs bleibt es geschlossen. Das Ticket für die Kesting-Ausstellung kostet acht Euro, ermäßigt fünf Euro.

Zum Begleitprogramm gehören Kuratorenführungen, Vorträge, ein Konzert und ein Filmabend. Die erste Kuratorenführung mit Paul Kaiser ist für den 20. August um 16.30 Uhr vorgesehen. Am selben Tag folgt ein Vortrag über Kestings Leben und Werk.

Warum die Ausstellung über Halle hinaus bedeutend ist

Die Ausstellung zeigt beispielhaft, wie politische Systeme darüber entschieden, welche Kunst öffentlich sichtbar sein durfte. Kesting wurde nicht deshalb vergessen, weil er aufgehört hätte zu arbeiten. Er arbeitete trotz Ausgrenzung weiter und entwickelte seine Kunst bis zu seinem Tod im Jahr 1970 fort.

Seine Wiederentdeckung wirft damit auch eine grundsätzliche Frage auf: Welche Künstler fehlen bis heute in deutschen Museen, weil ihre Werke nicht den politischen oder ästhetischen Vorgaben ihrer Zeit entsprachen?

Halle macht nun einen wichtigen Teil dieser verlorenen Kunstgeschichte wieder zugänglich. Die 227 Arbeiten belegen, dass Edmund Kesting nicht nur ein regionaler Sonderfall war, sondern eine eigenständige Position innerhalb der europäischen Moderne einnahm.

Quellen

Kunstmuseum Moritzburg Halle, Presseinformation „Edmund Kesting. Avantgardist“, veröffentlicht am 31. Juli 2026

Kunstmuseum Moritzburg Halle, Ausstellungsinformationen, Eintrittspreise und Begleitprogramm, Stand 2. August 2026

Ostdeutsche Zeitung, „Moritzburg Halle zeigt erste große Retrospektive zu Edmund Kesting“, veröffentlicht am 31. Juli 2026