Berlins Clubs sind international gefragt, ihre wirtschaftliche Grundlage wird jedoch zunehmend brüchig. Nach der neuen Studie „Clubkultur Berlin 2026“ arbeiten nur noch 61 Prozent der untersuchten Einrichtungen mindestens kostendeckend. 2017 waren es noch 79 Prozent. Gleichzeitig erklären 85 Prozent der Befragten, dass der finanzielle Druck bereits direkte Auswirkungen auf ihr Veranstaltungsprogramm hat. Hinter der Debatte steht damit mehr als die Zukunft einzelner Clubs: Es geht um einen Teil jener Kultur, die das internationale Bild Berlins seit Jahrzehnten prägt.
Die Untersuchung wurde von der Berliner Clubcommission im Auftrag der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe durchgeführt. Im März und April beteiligten sich Clubs, freie Kollektive, Veranstalter, Musikbars, Off-Spaces und soziokulturelle Zentren. 102 Befragte füllten den Fragebogen vollständig aus. Zusätzlich wurden zwölf Clubbesucher im Alter zwischen 22 und 28 Jahren ausführlich interviewt.
Tanzflächen sind voll – trotzdem reicht das Geld häufig nicht
Auf den ersten Blick scheint die Lage widersprüchlich. 83 Prozent der befragten Clubs erreichen nach Angaben der Clubcommission eine Auslastung von mindestens 50 Prozent. Von leeren Tanzflächen kann also keine Rede sein.
Trotzdem schaffen es fast vier von zehn Einrichtungen nicht mehr, zumindest kostendeckend zu arbeiten.
Das Problem liegt unter anderem darin, dass sich das Verhalten des Publikums verändert hat. Besucher planen ihre Abende bewusster, bleiben teilweise kürzer und geben weniger Geld für Getränke aus. Gleichzeitig sind insbesondere Personal- und Betriebskosten gestiegen.
64 Prozent der Befragten nennen die Personalkosten als einen der größten Belastungsfaktoren. 62 Prozent verweisen auf Betriebskosten, 60 Prozent auf die gesunkene Kaufkraft des Publikums.
Eintritt wird wichtiger als der Tresen
Besonders deutlich zeigt die Studie, wie grundlegend sich das Geschäftsmodell vieler Berliner Clubs verschoben hat.
2017 kamen noch rund 60 Prozent der Einnahmen aus Gastronomie und Getränkeverkauf. Eintrittsgelder hatten damals lediglich einen Anteil von etwa 21 Prozent.
Heute ist das Verhältnis nahezu umgekehrt. 59 Prozent der Einnahmen stammen inzwischen aus Eintrittsgeldern. Der Getränkeverkauf hat seine frühere dominante Bedeutung verloren.
Damit geraten Betreiber in ein schwieriges Spannungsfeld. Werden Eintrittspreise erhöht, steigt zwar der Umsatz pro Besucher. Gleichzeitig kann ein Clubbesuch für junge Menschen und Menschen mit geringerem Einkommen schnell zu teuer werden.
Eintrittspreise von 15 bis 20 Euro sind in Berlin inzwischen keine Seltenheit. Durchschnittswerte hat die Clubcommission allerdings nicht erhoben.
Wirtschaftlicher Druck verändert bereits das Programm
Die finanzielle Lage bleibt nicht hinter den Kulissen.
85 Prozent der befragten Einrichtungen geben an, dass der wirtschaftliche Druck inzwischen ihr Veranstaltungsprogramm beeinflusst.
Für Clubs kann das bedeuten, weniger riskante Veranstaltungen zu buchen, häufiger auf bekannte Künstler zu setzen oder Programmpunkte zu reduzieren, deren Einnahmen schwer kalkulierbar sind.
Gerade experimentelle Veranstaltungen, Nachwuchskünstler und kleinere Szenen könnten dadurch besonders betroffen sein.
Das führt zu einem grundsätzlichen Problem: Ausgerechnet der wirtschaftliche Druck könnte jene kulturelle Vielfalt einschränken, die Berlin als Clubstadt international erfolgreich gemacht hat.
24 Clubs verschwunden – aber auch neue Orte entstanden
Die Entwicklung ist allerdings keine einfache Geschichte eines kontinuierlichen Clubsterbens.
Seit 2020 haben nach Angaben der Clubcommission 24 Club- und Kulturstandorte geschlossen. Dazu gehören bekannte Namen wie Watergate, SchwuZ und Mensch Meier. Gleichzeitig entstanden rund 25 neue Orte, Kollektive und Nutzungskonzepte.
Die Gesamtzahl allein erzählt deshalb nur einen Teil der Geschichte.
Wenn ein über Jahre etablierter Club mit fester Infrastruktur schließt und an anderer Stelle ein temporäres Kollektiv entsteht, bedeutet das nicht zwangsläufig einen gleichwertigen Ersatz. Größe, Programm, Arbeitsplätze, Mietbedingungen und langfristige Planungssicherheit können sich erheblich unterscheiden.
Auch auf dem RAW-Gelände in Friedrichshain zeigt sich aktuell, wie eng Clubkultur und Immobilienentwicklung miteinander verbunden sind. Dort sieht die Clubcommission mehrere bestehende Kulturorte gefährdet und fordert langfristige Lösungen für das Areal.
95 Prozent sehen langfristige Existenz vieler Clubs gefährdet
Besonders alarmierend fällt eine weitere Zahl aus.
95 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass die langfristige Existenz vieler Berliner Clubs gefährdet ist, wenn sich die strukturellen Bedingungen nicht verbessern.
Die Clubcommission spricht deshalb nicht davon, dass die Berliner Clubkultur unmittelbar verschwindet. Sie sieht die Branche vielmehr unter einem starken Transformationsdruck.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Berlin bekommt weiterhin neue Veranstaltungsorte und Kollektive. Die Frage ist allerdings, ob diese langfristig wirtschaftlich überleben können und ob die Stadt weiterhin Raum für nicht vollständig kommerzialisierte Kultur bietet.
Clubcommission stellt vier zentrale Forderungen
Der Branchenverband leitet aus der Studie vier zentrale politische Forderungen ab.
Landeseigene Immobilien sollen systematischer für Club- und Kulturangebote geöffnet werden. Statt vieler kurzfristiger Einzelprojekte fordert die Clubcommission eine dauerhafte Förderstruktur.
Darüber hinaus sollen Clubs auf Landes- und Bundesebene stärker als Kulturstätten anerkannt und die Arbeitsbedingungen innerhalb der Branche verbessert werden.
Die Raumfrage ist dabei besonders wichtig. Clubs benötigen Flächen, die nicht unmittelbar mit Wohnungen, Büros oder hochpreisigem Gewerbe konkurrieren.
Steigende Grundstücks- und Mietpreise treffen deshalb gerade jene Einrichtungen, die große Räume benötigen und gleichzeitig nicht unbegrenzt höhere Eintrittspreise verlangen können.
Berliner Nachtleben ist auch ein Wirtschaftsfaktor
Die Debatte betrifft nicht nur Kulturpolitik.
Berlins Nachtleben ist ein Teil der internationalen Attraktivität der Hauptstadt. Menschen reisen aus Deutschland und dem Ausland gezielt wegen Clubs, Konzerten und elektronischer Musik nach Berlin.
Davon profitieren Hotels, Gastronomie, Einzelhandel, Verkehrsunternehmen und weitere Dienstleister.
Ein Club kann deshalb wirtschaftlich selbst unter Druck stehen und gleichzeitig Besucher anziehen, die an anderer Stelle erhebliche Umsätze erzeugen.
Genau darin liegt ein Teil des politischen Konflikts: Der gesellschaftliche und touristische Wert eines Clubs ist häufig größer als das, was sich unmittelbar in seiner eigenen Bilanz ablesen lässt.
Berlin muss entscheiden, welchen Wert Nachtkultur besitzt
Die neue Studie zeigt letztlich eine paradoxe Situation.
Das Publikum ist weiterhin vorhanden. Neue Orte entstehen. Berlins Ruf als Clubmetropole ist international ungebrochen.
Gleichzeitig wird das wirtschaftliche Fundament vieler Betreiber schwächer.
Wenn nur noch 61 Prozent der Einrichtungen kostendeckend arbeiten und nahezu alle Befragten strukturelle Gefahren für die Zukunft sehen, geht es nicht mehr ausschließlich um einzelne schlecht laufende Betriebe.
Berlin steht vielmehr vor der Frage, welchen Stellenwert seine Clubkultur langfristig haben soll – als Wirtschaftsbranche, touristischer Anziehungspunkt und vor allem als Teil der kulturellen Identität der Stadt.
Quellen
Clubcommission Berlin: Studie „Clubkultur Berlin 2026“, August 2026
Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe Berlin: Auftraggeberin der Studie „Clubkultur Berlin 2026“
Clubcommission Berlin: Aktuelle Situation der Kulturorte auf dem RAW-Gelände, Juni 2026