Eine ganze Unternehmergeneration steht vor dem Abschied. Viele derjenigen, die unmittelbar nach der deutschen Wiedervereinigung Firmen gründeten, Betriebe privatisierten oder mittelständische Unternehmen neu aufbauten, erreichen inzwischen das Rentenalter. Damit beginnt in Ostdeutschland ein wirtschaftlicher Generationenwechsel von enormer Tragweite. Denn nicht für jedes Unternehmen findet sich automatisch jemand, der Verantwortung, Arbeitsplätze und wirtschaftliches Risiko übernehmen möchte.
Die Größenordnung ist erheblich.
Nach einer aktuellen Schätzung des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn stehen deutschlandweit zwischen 2026 und 2030 rund 186.000 Unternehmen zur Übergabe an.
In diesen Fällen scheiden die bisherigen Eigentümer aus persönlichen Gründen aus der Geschäftsführung aus.
Allein für Sachsen werden innerhalb dieser fünf Jahre rund 7.200 Unternehmensnachfolgen erwartet. Das entspricht etwa 51 Übergaben je 1.000 Unternehmen.
Die Generation von 1990 erreicht das Rentenalter
In Ostdeutschland bekommt diese Entwicklung eine besondere historische Dimension.
Nach der Wiedervereinigung entstanden Tausende neue mittelständische Unternehmen. Andere Betriebe wurden privatisiert oder völlig neu strukturiert.
Viele der Unternehmerinnen und Unternehmer, die diese Phase geprägt haben, waren damals zwischen 25 und 45 Jahre alt.
Heute sind sie häufig 60 Jahre oder älter.
Damit erreicht jene Generation, die einen erheblichen Teil der heutigen ostdeutschen Mittelstandsstruktur aufgebaut hat, nahezu gleichzeitig das klassische Ruhestandsalter.
Brandenburg zeigt das Ausmaß des Problems
Besonders deutlich wird der demografische Druck in Brandenburg.
Nach Angaben der IHK Ostbrandenburg sind in rund 90.000 Unternehmen des Landes die Geschäftsführer oder Inhaber bereits älter als 55 Jahre.
Nicht jeder davon wird sein Unternehmen kurzfristig abgeben.
Die Zahl zeigt jedoch, wie groß das potenzielle Nachfolgeproblem in den kommenden Jahren werden kann.
Gerade kleine und mittlere Betriebe sind häufig stark von einzelnen Unternehmerpersönlichkeiten geprägt.
Wenn der Inhaber ausscheidet, lässt sich die Verantwortung nicht einfach auf eine anonyme Konzernstruktur übertragen.
Nicht jeder Betrieb findet einen Käufer
Das Problem besteht nicht allein darin, dass Unternehmer in Rente gehen.
Entscheidend ist, ob jemand den Betrieb übernehmen möchte.
Nach Einschätzung der Industrie- und Handelskammern besteht deutschlandweit inzwischen eine erhebliche Lücke zwischen Unternehmen, die übergeben werden sollen, und potenziellen Nachfolgerinnen und Nachfolgern.
Die IHK Dresden warnt unter Berufung auf den DIHK-Nachfolgereport davor, dass mehr als die Hälfte der Nachfolgesuchen erfolglos bleiben könnte.
Seit 2019 habe sich die Lücke zwischen abgabewilligen Unternehmern und Interessenten nahezu verdoppelt.
Für Ostdeutschland verschärft der demografische Wandel dieses Problem zusätzlich.
Nachfolger fehlen besonders im ländlichen Raum
In Leipzig, Dresden, Potsdam oder Berlin gibt es grundsätzlich einen größeren Pool potenzieller Gründer und Investoren.
Anders sieht es häufig in kleineren Städten und ländlichen Regionen aus.
Dort sinkt die Zahl jüngerer Menschen.
Viele gut ausgebildete Beschäftigte pendeln oder ziehen in größere Städte.
Gleichzeitig ist die Übernahme eines bestehenden Unternehmens mit erheblicher finanzieller und persönlicher Verantwortung verbunden.
Das betrifft beispielsweise Handwerksbetriebe, Einzelhändler, Metallunternehmen, Dienstleister, Gastronomie oder kleinere Produktionsbetriebe.
Gerade solche Unternehmen sind jedoch oftmals ein wichtiger Teil der örtlichen Infrastruktur.
Eine Betriebsschließung trifft ganze Orte
Wenn ein mittelständisches Industrieunternehmen keinen Nachfolger findet, geht es möglicherweise um Dutzende Arbeitsplätze.
Bei einem Handwerksbetrieb können die Auswirkungen weniger spektakulär aussehen – für eine kleine Stadt aber ebenso wichtig sein.
Fehlt künftig der Bäcker, Dachdecker, Elektrobetrieb oder Kfz-Service, müssen Kunden weitere Wege zurücklegen.
Auch Ausbildungsplätze verschwinden.
Eine fehlende Unternehmensnachfolge wird dadurch schnell zu einem Problem für die regionale Daseinsvorsorge.
Sachsen erwartet 7.200 Übergaben
In Sachsen wird die Nachfolgewelle inzwischen intensiv begleitet.
Die erwarteten rund 7.200 Übergaben zwischen 2026 und 2030 liegen leicht über dem Niveau früherer Schätzungen.
Besonders häufig stehen Unternehmen aus dem Produzierenden Gewerbe, dem Dienstleistungsbereich und dem Handel vor einer Übergabe.
Die sächsischen Industrie- und Handelskammern haben deshalb 2026 eine gemeinsame Veranstaltungsreihe zur Unternehmensnachfolge gestartet.
Dabei geht es um Unternehmensbewertung, Finanzierung, Steuern, Erbrecht und die praktische Vorbereitung einer Übergabe.
Unternehmenswert wird zum Streitpunkt
Eine der schwierigsten Fragen betrifft häufig den Preis.
Unternehmer haben ihr Lebenswerk oft über Jahrzehnte aufgebaut.
Entsprechend hoch kann die persönliche Bindung an den Betrieb sein.
Potenzielle Käufer betrachten dagegen nüchtern Umsatz, Gewinn, Investitionsbedarf, Risiken und Zukunftsaussichten.
Gerade bei Unternehmen, die technologisch modernisiert werden müssen, können die Vorstellungen weit auseinanderliegen.
Das Institut für Mittelstandsforschung weist darauf hin, dass wirtschaftlich schwächere Betriebe teilweise gar nicht mehr als übernahmewürdig gelten.
Dass bundesweit trotz alternder Unternehmerschaft nicht noch mehr Nachfolgen erwartet werden, hängt auch damit zusammen.
Familiennachfolge verliert an Bedeutung
Traditionell galt die Übergabe an Kinder oder andere Familienangehörige als Normalfall.
Doch dieses Modell verliert an Bedeutung.
Die vom IfM ausgewerteten Untersuchungen zeigen, dass rund 54 Prozent der Familienunternehmen innerhalb der Familie weitergegeben werden.
17 Prozent gehen an Beschäftigte des Unternehmens, 29 Prozent an externe Käufer.
In neueren Studien nimmt der Anteil familieninterner Lösungen tendenziell ab.
Damit wird der Markt für externe Unternehmensübernahmen wichtiger.
Übernahme kann attraktiver sein als Neugründung
Für potenzielle Unternehmer bietet die Nachfolgewelle gleichzeitig enorme Chancen.
Wer ein bestehendes Unternehmen übernimmt, muss nicht bei null beginnen.
Kundenstamm, Beschäftigte, Maschinen, Lieferantenbeziehungen und Umsatz sind im Idealfall bereits vorhanden.
Die IHK Dresden berichtet deshalb, dass sich zunehmend Existenzgründer bewusst gegen eine komplette Neugründung und für den Kauf eines bestehenden Betriebs entscheiden.
Gerade für junge Unternehmer könnte die Nachfolgewelle dadurch zu einer Art zweiter Gründungswelle werden.
Ostsachsen sucht bereits aktiv Käufer
Wie konkret der Markt inzwischen ist, zeigt die Unternehmensbörse der IHK Dresden.
Dort werden Unternehmen aus Dresden und Ostsachsen angeboten, während Interessenten gleichzeitig gezielt nach Betrieben suchen.
Gesucht werden beispielsweise Metallverarbeiter, Produktionsunternehmen, technische Dienstleister oder kleine Beratungsunternehmen.
Die IHK unterstützt dabei auch mit individuellem Matching zwischen Verkäufern und potenziellen Käufern.
Damit entwickelt sich Unternehmensnachfolge zunehmend zu einem eigenen Markt.
Finanzierung bleibt eine große Hürde
Der Kauf eines bestehenden Unternehmens kann allerdings erhebliches Kapital erfordern.
Selbst profitable Mittelständler können Kaufpreise erreichen, die für jüngere Unternehmer ohne größere Sicherheiten schwer finanzierbar sind.
Sachsen unterstützt Unternehmensnachfolgen deshalb unter anderem mit Beratungsförderung.
Zusätzlich können Bürgschaften eine Finanzierung ermöglichen, wenn ausreichende Kreditsicherheiten fehlen.
Bei bestimmten Programmen sind Bürgschaftsanteile von bis zu 80 Prozent vorgesehen.
Damit soll verhindert werden, dass wirtschaftlich sinnvolle Übernahmen allein an fehlendem Eigenkapital scheitern.
Thüringen wirbt bereits mit „Nachfolge ist das neue Gründen“
Auch Thüringen versucht, die Perspektive zu verändern.
Die IHK Ostthüringen formuliert inzwischen ausdrücklich: „Nachfolge ist das neue Gründen“.
Aus Sicht der Kammer war die Chance für Interessierte, ein geeignetes Unternehmen zur Übernahme zu finden, noch nie so hoch wie derzeit.
Gleichzeitig steigt die Zahl der Unternehmer, die nach einem Nachfolger suchen.
Das zeigt, dass die Nachfolgewelle nicht nur als Risiko betrachtet werden muss.
Sie könnte auch eine Chance für neue Unternehmergenerationen sein.
Arbeitsplätze und Know-how stehen auf dem Spiel
Entscheidend ist allerdings, dass wirtschaftlich gesunde Betriebe tatsächlich weitergeführt werden.
Scheitert eine Nachfolge, verschwinden nicht nur Unternehmen aus Handelsregistern.
Auch Fachwissen, Kundenbeziehungen und regionale Lieferketten können verloren gehen.
Gerade in Ostdeutschland wäre das problematisch.
Viele Regionen versuchen derzeit, neue Unternehmen anzusiedeln und industrielle Strukturen zu stärken.
Gleichzeitig wäre es wirtschaftspolitisch widersprüchlich, wenn bestehende gesunde Mittelständler allein wegen fehlender Nachfolger schließen müssten.
Die Nachfolgewelle wird zum Standortthema
Unternehmensnachfolge ist deshalb längst mehr als eine private Angelegenheit zwischen Verkäufer und Käufer.
Sie entwickelt sich zu einer zentralen wirtschaftspolitischen Frage.
Kommunen, Kammern, Banken und Landesregierungen müssen überlegen, wie sie Übernahmen erleichtern können.
Dazu gehören Beratung, Finanzierung, Unternehmensbörsen und die Vermittlung potenzieller Nachfolger.
Ebenso wichtig ist ein gesellschaftlicher Perspektivwechsel.
Unternehmertum beginnt nicht zwangsläufig mit der Gründung eines Start-ups.
Es kann auch bedeuten, einen bestehenden Betrieb mit 20 Beschäftigten zu übernehmen und in eine neue Generation zu führen.
Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt
Für viele ostdeutsche Unternehmer läuft dieser Prozess bereits.
Eine erfolgreiche Übergabe benötigt häufig mehrere Jahre Vorbereitung.
Unternehmensbewertung, Steuerfragen, Finanzierung und die Auswahl eines geeigneten Nachfolgers lassen sich nicht wenige Monate vor dem Ruhestand erledigen.
Die IHKs empfehlen deshalb ausdrücklich, frühzeitig mit der Planung zu beginnen.
Für die ostdeutsche Wirtschaft beginnt damit ein Wettlauf gegen die Zeit.
Die Gründergeneration der Nachwendezeit geht in Rente.
Ob ihre Unternehmen ebenfalls verschwinden oder von einer neuen Generation weiterentwickelt werden, wird mitentscheiden, wie stark der ostdeutsche Mittelstand in den kommenden Jahrzehnten bleibt.
Quellen
Institut für Mittelstandsforschung Bonn – Unternehmensnachfolgen in Deutschland 2026 bis 2030
IHK Dresden – Unternehmensnachfolgen in Deutschland 2026 bis 2030, 14. Januar 2026
IHK Dresden – Unternehmensnachfolge und Nachfolgebörse
IHK Ostbrandenburg – Unternehmensnachfolge und Unternehmensbörse
IHK Ostthüringen zu Gera – Unternehmensnachfolge
IHK Dresden, IHK Chemnitz und IHK zu Leipzig – Nachfolge 360°, 2026