Die politische Debatte über den Umgang mit der AfD verschärft sich in Mecklenburg-Vorpommern. Gut zwei Monate vor der Landtagswahl zeigt eine repräsentative Umfrage von Infratest dimap im Auftrag des NDR, dass ein großer Teil der Bevölkerung eine Zusammenarbeit anderer Parteien mit der AfD nicht grundsätzlich ablehnt.

Besonders deutlich fällt das Ergebnis bei der parlamentarischen Arbeit aus. 62 Prozent der Befragten finden es akzeptabel, wenn andere Parteien gemeinsam mit der AfD Anträge einbringen oder Vorhaben mit deren Stimmen beschließen. 59 Prozent sprechen sich dafür aus, dass Abgeordnete auch Anträgen der AfD zustimmen können.

Damit unterscheidet sich die Haltung vieler Bürger deutlich von den offiziellen Positionen der im Schweriner Landtag vertretenen Parteien. SPD, CDU und Linke schließen eine Zusammenarbeit mit der AfD weiterhin kategorisch aus.

Zusammenarbeit ist nicht gleich Koalition

Die Ergebnisse müssen genau unterschieden werden. Eine gemeinsame Abstimmung im Parlament ist etwas anderes als eine feste Regierungskoalition.

Viele Befragte scheinen es für vertretbar zu halten, einen Antrag nach seinem Inhalt zu beurteilen – unabhängig davon, welche Partei ihn eingebracht hat. Eine vollständige Regierungsübernahme durch die AfD wird dagegen zurückhaltender bewertet.

Knapp die Hälfte der Befragten hält eine Beteiligung der AfD an einer Landesregierung für akzeptabel. 44 Prozent lehnen eine solche Regierungsbeteiligung ab. Einen AfD-Ministerpräsidenten finden 51 Prozent nicht akzeptabel.

Drei politische Ebenen müssen getrennt werden

In der öffentlichen Diskussion werden unterschiedliche Formen der Zusammenarbeit häufig unter dem Begriff „Brandmauer“ zusammengefasst. Tatsächlich handelt es sich um mindestens drei verschiedene Fragen:

  • Darf eine andere Partei einem sachlich passenden AfD-Antrag zustimmen?
  • Darf ein eigenes Vorhaben mit Stimmen der AfD beschlossen werden?
  • Darf eine Partei mit der AfD eine feste Regierung bilden?

Die Umfrage zeigt vor allem bei den ersten beiden Punkten eine klare Offenheit. Für einen AfD-geführten Regierungswechsel gibt es dagegen keine vergleichbar eindeutige Mehrheit.

AfD liegt im MV-Trend bei 36 Prozent

Die Debatte erhält zusätzliche Bedeutung durch die aktuellen Umfragewerte. Im jüngsten MV-Trend erreicht die AfD 36 Prozent und bleibt damit stärkste Kraft. Die SPD kommt auf 29 Prozent, die Linke auf zwölf Prozent und die CDU nur noch auf neun Prozent. Die Grünen würden mit fünf Prozent knapp in den Landtag einziehen. Das BSW läge mit vier Prozent unterhalb der Fünfprozenthürde.

Die Befragung wurde vom 2. bis 6. Juli 2026 durchgeführt. Insgesamt nahmen 1.167 Wahlberechtigte aus Mecklenburg-Vorpommern teil. Die statistische Schwankungsbreite liegt je nach Anteilswert bei zwei bis drei Prozentpunkten.

Stärkste Kraft könnte erneut nicht regieren

Sollte die AfD bei der Landtagswahl tatsächlich stärkste Partei werden, bedeutet das nicht automatisch, dass sie auch die Regierung anführt.

In Deutschland wird eine Landesregierung nicht allein durch den höchsten Stimmenanteil gebildet. Entscheidend ist eine Mehrheit der Abgeordneten im Landtag. Schließen alle anderen Parteien eine Koalition mit der AfD aus, kann eine andere Parteienkombination regieren, sofern sie gemeinsam über genügend Mandate verfügt.

Nach der aktuellen Umfrage könnte ein Bündnis aus SPD, Linken und Grünen eine äußerst knappe Mehrheit erreichen. Zusammen kommen die drei Parteien auf 46 Prozent. Wegen der möglichen Nichtberücksichtigung von Stimmen für Parteien unterhalb der Fünfprozenthürde könnte das für eine Mehrheit der Sitze reichen.

AfD sieht sich durch Umfrage bestätigt

AfD-Landeschef und Ministerpräsidentenkandidat Leif-Erik Holm wertet die Ergebnisse als Bestätigung für seine Partei.

Er verweist darauf, dass es auf kommunaler Ebene bereits sachbezogene Zusammenarbeit gebe. Auch die AfD stimme Anträgen anderer Parteien zu, wenn sie diese inhaltlich unterstütze. Holm hofft nach der Wahl auf eine Regierungsbeteiligung und hat für seine Partei zugleich das Ziel einer Alleinregierung ausgegeben.

Kommunalpolitik funktioniert häufig pragmatischer

In Stadtvertretungen und Kreistagen verlaufen Abstimmungen teilweise anders als in Landes- oder Bundesparlamenten.

Dort geht es häufig um konkrete örtliche Fragen:

  • die Sanierung einer Straße,
  • den Neubau einer Feuerwehr,
  • Schulstandorte,
  • Vereinsförderung,
  • Abfallentsorgung,
  • kommunale Gebühren.

Bei solchen Entscheidungen stimmen Fraktionen bisweilen ähnlich ab, ohne dass daraus eine dauerhafte politische Zusammenarbeit entsteht.

Die AfD nutzt diese kommunalen Erfahrungen als Argument dafür, die strikte Abgrenzung auch auf Landesebene aufzugeben.

SPD hält an vollständiger Abgrenzung fest

Ministerpräsidentin Manuela Schwesig lehnt eine Zusammenarbeit mit der AfD ab. Sie bezeichnet die Partei als gefährlich und unsozial.

Schwesig verweist unter anderem auf Unterschiede beim Mindestlohn, bei der beitragsfreien Kinderbetreuung und beim Tariftreuegesetz. Für die Wahl einer Ministerpräsidentin oder eines Ministerpräsidenten brauche es eine stabile und verlässliche Mehrheit. Von Stimmen der AfD wolle sie sich nicht abhängig machen.

SPD setzt auf eine eigene Aufholjagd

Die SPD hat ihren Abstand zur AfD gegenüber früheren Umfragen verkürzt. Mit 29 Prozent liegt sie jedoch weiterhin sieben Prozentpunkte zurück.

Schwesig selbst bleibt deutlich beliebter als ihre Partei. Bei einer hypothetischen Direktwahl des Ministerpräsidenten würden sich 49 Prozent für sie entscheiden. AfD-Kandidat Leif-Erik Holm erreicht 27 Prozent.

Die SPD versucht damit, den Wahlkampf stark auf die Person der Ministerpräsidentin und das Versprechen einer stabilen Regierung auszurichten.

Auch CDU und Linke sagen weiterhin Nein

Für die Linke erklärte Bildungsministerin Simone Oldenburg, eine Zusammenarbeit mit der AfD werde es nicht geben. Die politischen Grundpositionen seien nicht miteinander vereinbar.

Die CDU hält ebenfalls an ihrer Abgrenzung fest. Die Landtagsabgeordnete Katy Hoffmeister begründete dies unter anderem mit unterschiedlichen Positionen zur Zuwanderung und warnte vor möglichen wirtschaftlichen Folgen einer Zusammenarbeit.

CDU steht vor einem strategischen Dilemma

Besonders schwierig ist die Lage für die CDU.

Sie erreicht im aktuellen MV-Trend nur noch neun Prozent. Damit liegt sie weit hinter AfD und SPD. Zugleich könnte sie nach der Wahl für eine Regierungsbildung benötigt werden, falls Rot-Rot-Grün keine Mehrheit erhält.

Eine Öffnung zur AfD schließt die Parteiführung aus. Eine Beteiligung an einer von der SPD geführten Regierung könnte wiederum das Profil der CDU weiter verwischen.

Die Partei muss deshalb erklären, wie sie politische Veränderungen erreichen will, ohne mit der stärksten Kraft zusammenzuarbeiten und ohne erneut lediglich Juniorpartner der SPD zu werden.

Die Brandmauer wird unterschiedlich verstanden

Der Begriff „Brandmauer“ ist politisch wirksam, aber ungenau.

Für manche bedeutet er lediglich, dass es keine Koalition und keine gemeinsamen Minister geben darf. Andere verstehen darunter auch, dass niemals einem AfD-Antrag zugestimmt werden darf. Wieder andere wollen verhindern, dass eigene Anträge von AfD-Stimmen abhängig sind.

Starre Regeln können zu widersprüchlichen Situationen führen

In Parlamenten kann es vorkommen, dass eine Partei einen inhaltlich sinnvollen Antrag ablehnt, nur weil die AfD ihn eingebracht hat.

Ebenso kann ein Antrag einer anderen Partei eine Mehrheit erhalten, weil auch die AfD zustimmt. Die einbringende Partei kann diese Stimmen weder verhindern noch zurückweisen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wird ein politischer Inhalt bewertet – oder in erster Linie, wer dafür oder dagegen stimmt?

Die Umfrage deutet darauf hin, dass viele Bürger eine stärkere inhaltliche Betrachtung parlamentarischer Vorhaben wünschen.

Wähler erwarten, dass ihre Stimmen Wirkung haben

Wenn eine Partei mehr als ein Drittel der Stimmen erreicht, entsteht zwangsläufig die Frage, wie ihre Wähler im parlamentarischen Prozess berücksichtigt werden.

Die Abgeordneten der AfD besitzen dieselben formalen Rechte wie die Vertreter anderer zugelassener Parteien. Sie dürfen Anträge einbringen, in Ausschüssen arbeiten und über Gesetze abstimmen.

Ausschluss kann politische Entfremdung verstärken

Wähler könnten den Eindruck gewinnen, ihre Stimme habe kaum praktische Wirkung, wenn andere Parteien jede Zusammenarbeit unabhängig vom Inhalt ausschließen.

Das kann den Frust verstärken, aus dem die AfD einen Teil ihrer Unterstützung bezieht. Die Partei kann sich dann als einzige politische Kraft darstellen, die von einem geschlossenen Parteienblock ausgegrenzt werde.

Eine erfolgreiche Auseinandersetzung mit der AfD kann deshalb nicht allein aus organisatorischer Abgrenzung bestehen. Die übrigen Parteien müssen zugleich bessere Antworten auf die Probleme anbieten, die viele Menschen beschäftigen.

Zusammenarbeit darf trotzdem nicht unkritisch werden

Die Offenheit vieler Befragter bedeutet nicht, dass jede Zusammenarbeit politisch sinnvoll oder demokratisch unproblematisch wäre.

Parteien müssen prüfen, welche Ziele hinter einem Antrag stehen und welche langfristigen Folgen ein gemeinsames Vorgehen haben könnte.

Inhalte müssen der Maßstab bleiben

Ein sinnvoller Umgang könnte darin bestehen, jeden Antrag öffentlich und nachvollziehbar zu bewerten:

  • Ist das Vorhaben rechtmäßig?
  • Ist es finanzierbar?
  • Hilft es Mecklenburg-Vorpommern?
  • Werden Grundrechte gewahrt?
  • Welche konkreten Folgen entstehen?
  • Entspricht es dem eigenen Wahlprogramm?

Wird ein Antrag allein wegen des Absenders abgelehnt, kann das unglaubwürdig wirken. Wird ihm ohne gründliche Prüfung zugestimmt, wäre das ebenso verantwortungslos.

Regierungsbildung könnte äußerst schwierig werden

Die aktuelle Umfrage eröffnet mehrere theoretische Möglichkeiten, aber keine davon ist politisch einfach.

Rot-Rot-Grün könnte knapp regieren. Schon geringe Verschiebungen in der Wählergunst könnten diese Mehrheit jedoch verhindern.

Eine Koalition aus SPD und CDU dürfte nach den gegenwärtigen Zahlen keine Mehrheit erreichen. Auch andere Zweierbündnisse wären nicht ausreichend.

Minderheitsregierung wäre eine Möglichkeit

Sollte keine stabile Koalition zustande kommen, könnte eine Minderheitsregierung entstehen.

Sie müsste für jedes Gesetz wechselnde Mehrheiten suchen. Das würde die parlamentarische Arbeit stärker auf sachbezogene Entscheidungen ausrichten, könnte aber zugleich zu Unsicherheit und instabilen Mehrheiten führen.

In einem solchen Modell wäre die Frage der Stimmen der AfD kaum zu umgehen. Die Regierung könnte Vorhaben nicht immer kontrollieren, wenn wechselnde Fraktionen zustimmen.

Ein AfD-Ministerpräsident bleibt mehrheitlich unerwünscht

Trotz der Offenheit für Zusammenarbeit besitzt die AfD keinen uneingeschränkten Regierungsauftrag.

51 Prozent lehnen einen AfD-Ministerpräsidenten als nicht akzeptabel ab. Zugleich würden sich bei einer Direktwahl deutlich mehr Befragte für Manuela Schwesig als für Leif-Erik Holm entscheiden.

Das zeigt eine differenzierte Haltung:

Viele Menschen wollen offenbar, dass AfD-Vorschläge parlamentarisch normaler behandelt werden. Eine vollständige Übernahme der Regierungsführung durch die Partei betrachtet eine Mehrheit dagegen weiterhin kritisch.

Die Landtagswahl findet am 20. September statt

Mecklenburg-Vorpommern wählt am Sonntag, dem 20. September 2026, einen neuen Landtag. Die Landesregierung hatte den Termin bereits im Juli 2025 festgelegt.

Bis zur Wahl können sich Umfragewerte und politische Stimmungen noch erheblich verändern. Wahlumfragen sind Momentaufnahmen und keine Vorhersagen des endgültigen Ergebnisses.

Wahlkampf wird zunehmend zur Systemfrage

Der politische Wettbewerb dreht sich nicht mehr nur um Bildung, Wirtschaft, Pflege oder kommunale Infrastruktur.

Immer stärker steht die Frage im Mittelpunkt, welche Parteien miteinander regieren oder überhaupt zusammenarbeiten dürfen.

Das birgt die Gefahr, dass konkrete Landesprobleme in den Hintergrund geraten.

Für die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern sind jedoch weiterhin praktische Themen entscheidend:

  • Ärzteversorgung im ländlichen Raum,
  • Unterrichtsausfall,
  • niedrige Löhne,
  • steigende Pflegekosten,
  • schwache Verkehrsanbindungen,
  • wirtschaftliche Entwicklung,
  • bezahlbarer Wohnraum,
  • kommunale Finanznot.

Die Parteien werden nicht allein mit Koalitionsaussagen überzeugen können. Sie müssen erklären, wie sie diese Probleme lösen wollen.

Die bisherige Strategie erreicht ihre Grenzen

Die Umfrage zeigt, dass die pauschale Abgrenzungsstrategie nicht mehr von allen Bürgern geteilt wird.

Eine Mehrheit akzeptiert zumindest punktuelle parlamentarische Zusammenarbeit. Gleichzeitig bleibt eine AfD-geführte Landesregierung umstritten.

Die demokratischen Parteien stehen deshalb vor einer schwierigen Aufgabe. Sie müssen klare Grenzen gegenüber verfassungsfeindlichen oder diskriminierenden Positionen ziehen, dürfen aber parlamentarische Debatten nicht durch bloße Ausgrenzungsrituale ersetzen.

Politische Auseinandersetzung statt moralischer Belehrung

Wer AfD-Wähler zurückgewinnen will, muss ihre Entscheidung nicht gutheißen. Er sollte aber verstehen, warum sie sich von anderen Parteien nicht mehr vertreten fühlen.

Dazu gehört, Probleme offen anzusprechen, politische Fehler einzugestehen und konkrete Alternativen vorzulegen.

Moralische Belehrungen allein werden eine Partei mit 36 Prozent in den Umfragen kaum schwächen.

Bröckelt die Brandmauer?

Die Antwort lautet: in der Bevölkerung offenbar teilweise.

Eine klare Mehrheit hält gemeinsame parlamentarische Entscheidungen mit der AfD für akzeptabel. Rund die Hälfte kann sich auch eine Regierungsbeteiligung vorstellen. Einen AfD-Ministerpräsidenten lehnt jedoch weiterhin eine Mehrheit ab.

Damit gibt es keinen einheitlichen Wunsch nach vollständiger Öffnung. Es gibt aber ebenso wenig eine gesellschaftliche Mehrheit für jede Form der pauschalen Ausgrenzung.

Die Parteien müssen sich dieser differenzierten Stimmung stellen. Wer die AfD politisch begrenzen will, muss sie inhaltlich schlagen – bei Wirtschaft, Bildung, Sicherheit, Infrastruktur und sozialer Stabilität.

Am 20. September entscheiden die Wähler nicht nur über die Stärke der einzelnen Parteien. Sie entscheiden auch darüber, ob die bisherige politische Ordnung Mecklenburg-Vorpommerns Bestand hat oder sich grundlegend verändern wird.