Zwei Bauwerke, zwei Religionen und zwei völlig unterschiedliche historische Entwicklungen: In Straßburg entsteht derzeit der Große Eyyûb-Sultan-Komplex mit zwei 44 Meter hohen Minaretten. Im polnischen Świebodzin steht dagegen bereits seit 2010 eine monumentale Christus-König-Statue. Für Ostdeutschland ist dieser Vergleich besonders interessant, denn Świebodzin liegt nur rund 70 Kilometer östlich der deutsch-polnischen Grenze bei Frankfurt (Oder).
Straßburger Betreiber spricht von Europas größter Moschee
Der Große Eyyûb-Sultan-Komplex entsteht in Straßburg und soll weit mehr sein als ein reiner Gebetsraum.
Auf seiner offiziellen Projektseite bezeichnet der Träger das Vorhaben selbst als künftige „größte Moschee Europas“. Diese Formulierung sollte allerdings mit Vorsicht verwendet werden, denn sie stammt vom Betreiber und hängt davon ab, nach welchen Kriterien Größe definiert wird.
Unstrittig sind dagegen die Dimensionen des Projekts.
Geplant sind eine große zentrale Kuppel, 27 kleinere Kuppeln und zwei Minarette mit jeweils 44 Metern Höhe. Der Gebetsraum soll nach Angaben des Trägers Platz für rund 3.000 Menschen bieten.
Bibliothek, Bildungszentrum und Gastronomie gehören dazu
Der Komplex soll nicht nur religiös genutzt werden.
Vorgesehen sind unter anderem eine Bibliothek, ein Kulturzentrum, Bildungsräume, ein Konferenzsaal, gastronomische Angebote und weitere Gemeinschaftsräume. Hinzu kommen nach Angaben des Projektträgers umfangreiche Stellplatzkapazitäten.
Damit entsteht ein religiöses und kulturelles Zentrum, das weit über die klassische Funktion einer Stadtteilmoschee hinausgeht.
Osmanische Architektur mitten in Europa
Der Träger beschreibt den Bau ausdrücklich als sichtbares Symbol islamischer Kultur in Europa.
Architektonisch orientiert sich das Projekt an osmanischen Traditionen, die mit moderner Bautechnik verbunden werden sollen.
Gerade die 44 Meter hohen Minarette sorgen dafür, dass der Bau weit über das unmittelbare Grundstück hinaus sichtbar sein wird.
In Polen steht seit 2010 ein christliches Gegenstück
Rund 700 Kilometer östlich befindet sich ein religiöses Monument ganz anderer Art.
Im polnischen Świebodzin, dem historischen Schwiebus, steht die Christus-König-Statue.
Die eigentliche Figur ist 33 Meter hoch. Auf ihrem Kopf befindet sich zusätzlich eine drei Meter hohe vergoldete Krone. Damit erreicht die Statue selbst 36 Meter.
Die Stadt Świebodzin bezeichnet sie als höchstes Christusbildnis der Welt.
Gesamthöhe beträgt mehr als 52 Meter
Die Statue steht zusätzlich auf einem 16,5 Meter hohen künstlichen Hügel.
Dadurch erreicht die gesamte Anlage vom Fuß des Hügels bis zur Spitze der Krone eine Höhe von rund 52,5 Metern.
Auch die übrigen Dimensionen sind gewaltig.
Die Christusfigur wiegt nach Angaben der Stadt etwa 440 Tonnen. Allein der Kopf bringt rund 15 Tonnen auf die Waage. Zwischen den ausgestreckten Händen liegen etwa 24 Meter.
Statue wurde bereits 2010 fertiggestellt
Anders als gelegentlich in sozialen Netzwerken behauptet, wird die Christusfigur derzeit nicht neu gebaut.
Sie wurde bereits im November 2010 fertiggestellt und am 21. November desselben Jahres kirchlich geweiht. Initiator des Projekts war der örtliche Priester Sylwester Zawadzki. Entworfen wurde die Statue vom polnischen Bildhauer Mirosław Kazimierz Patecki.
Wer beide Projekte miteinander vergleicht, muss deshalb unterscheiden: Der Straßburger Moscheekomplex befindet sich aktuell im Aufbau, die Christusstatue in Świebodzin steht bereits seit mehr als 15 Jahren.
Für Ostdeutsche liegt der Christus-Riese fast vor der Haustür
Für Brandenburg besitzt das polnische Monument eine besondere geografische Nähe.
Świebodzin liegt im westlichen Polen und ist von Frankfurt (Oder) aus vergleichsweise schnell erreichbar.
Damit befindet sich eines der größten christlichen Monumente Europas unmittelbar hinter der heutigen deutsch-polnischen Grenzregion.
Gerade für Einwohner aus Frankfurt (Oder), Eisenhüttenstadt oder dem östlichen Brandenburg ist die Statue als Tagesausflugsziel deutlich näher als viele bekannte deutsche Wallfahrtsorte.
Der Kontrast zu Ostdeutschland könnte kaum größer sein
Religiös betrachtet ist ausgerechnet Ostdeutschland eine der säkularsten Regionen Europas.
Die sechste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der Evangelischen Kirche in Deutschland kommt auf einen Konfessionslosenanteil von 77 Prozent im Osten, gegenüber 36 Prozent im Westen Deutschlands.
Auch die persönliche Religiosität unterscheidet sich deutlich.
Nach der Untersuchung geben 62 Prozent der Ostdeutschen an, niemals an Gott geglaubt zu haben. Im Westen sind es 24 Prozent.
DDR-Geschichte wirkt bis heute nach
Diese Unterschiede sind historisch gewachsen.
In der DDR wurden Kirchen gesellschaftlich zurückgedrängt, während staatliche Rituale wie die Jugendweihe gezielt gefördert wurden. Die EKD beschreibt, wie sich Konfessionslosigkeit dadurch über Generationen hinweg stabilisierte.
Das Ergebnis ist bis heute sichtbar: In vielen ostdeutschen Familien spielt Religion bereits seit mehreren Generationen kaum eine Rolle.
Polen nahm einen völlig anderen Weg
Auf der anderen Seite der Oder entwickelte sich die Lage fundamental anders.
In Polen blieb die katholische Kirche auch während des kommunistischen Systems gesellschaftlich einflussreich.
Sie wurde für viele Menschen nicht nur religiöse Institution, sondern zugleich Teil nationaler und kultureller Identität.
Die Christus-König-Statue in Świebodzin steht damit in einer religiösen Tradition, die sich nur wenige Kilometer von Brandenburg entfernt völlig anders entwickelt hat als in der DDR.
Frankreich wiederum steht für religiöse Vielfalt
Auch Frankreich gilt als stark säkular geprägter Staat.
Gleichzeitig besitzt das Land eine große muslimische Bevölkerung und eine lange Geschichte islamischer Gemeinden.
Der Straßburger Komplex zeigt, dass religiöse Sichtbarkeit trotz gesellschaftlicher Säkularisierung wachsen kann.
Das ist kein Widerspruch.
Ein Land kann insgesamt weniger religiös werden und gleichzeitig religiös vielfältiger sein.
Monumente sagen wenig darüber aus, wie religiös ein Land insgesamt ist
Die Größe eines Bauwerks sollte deshalb nicht mit der Religiosität einer gesamten Gesellschaft verwechselt werden.
Eine riesige Moschee bedeutet nicht automatisch, dass Frankreich religiöser wird.
Eine 36 Meter hohe Christusstatue bedeutet ebenso wenig, dass alle Polen besonders kirchlich leben.
Und zahlreiche historische Kirchen in Sachsen, Thüringen oder Brandenburg ändern nichts daran, dass Ostdeutschland heute einen sehr hohen Anteil konfessionsloser Menschen besitzt.
Religionsfreiheit ermöglicht gerade diese Unterschiede
Religiöse Vielfalt gehört zugleich zu den Grundprinzipien moderner europäischer Demokratien.
In Deutschland garantiert Artikel 4 des Grundgesetzes die Religionsfreiheit. Das deutsche Religionsverfassungsrecht verpflichtet den Staat zur Neutralität gegenüber religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen.
Das bedeutet: Christliche, muslimische, jüdische und andere Religionsgemeinschaften dürfen ihren Glauben öffentlich sichtbar machen, solange sie sich innerhalb der gesetzlichen Ordnung bewegen.
Für Ostdeutschland wird die Debatte besonders interessant
Gerade Ostdeutschland befindet sich damit in einer ungewöhnlichen Position.
Unsere Bevölkerung ist besonders säkular geprägt. Gleichzeitig liegen unmittelbar östlich der Oder Regionen, in denen christliche Symbolik erheblich stärker im öffentlichen Raum präsent ist.
Parallel wächst auch in Deutschland religiöse Vielfalt durch muslimische Gemeinden und andere Glaubensgemeinschaften.
Dadurch treffen in den kommenden Jahren zunehmend drei Entwicklungen aufeinander: fortschreitende Konfessionslosigkeit, christliches Kulturerbe und wachsende religiöse Vielfalt.
Zwei Monumente erzählen deshalb mehr als eine Geschichte über Religion
Der Straßburger Moscheekomplex und die Christusstatue von Świebodzin eignen sich leicht für eine zugespitzte Gegenüberstellung.
Doch der eigentliche Befund ist komplexer.
Sie stehen nicht einfach für „Islam im Westen“ und „Christentum im Osten“.
Vielmehr zeigen sie zwei völlig unterschiedliche historische Entwicklungen innerhalb Europas.
Während in Straßburg eine wachsende muslimische Gemeinde einen großen neuen religiösen Mittelpunkt errichtet, steht in Świebodzin ein monumentales christliches Symbol in einer traditionell katholisch geprägten Region.
Dazwischen liegt Ostdeutschland – eine der konfessionslosesten Regionen des Kontinents.
Gerade dieser Dreiklang macht die Entwicklung bemerkenswert: Europa wird gleichzeitig säkularer, religiös vielfältiger und an einzelnen Orten architektonisch sichtbarer religiös.