Wo früher Glas geschmolzen, Ziegel gebrannt, Kohle gefördert oder Maschinen gebaut wurden, entstehen heute Ausflugsziele, Museen, Veranstaltungsorte und neue regionale Marken. Der vierte Tag der Industriekultur macht am heutigen 8. August sichtbar, dass Brandenburg seine industrielle Vergangenheit längst nicht mehr nur bewahrt – vielerorts wird sie wirtschaftlich neu genutzt. Der landesweite Aktionstag wird gemeinsam vom Museumsverband Brandenburg und dem Touristischen Netzwerk Industriekultur Brandenburg getragen und mit Landesmitteln unterstützt.

Die Bandbreite der beteiligten Orte zeigt, wie unterschiedlich Brandenburg industrialisiert wurde. Im Norden erzählen Wittenberge und Pritzwalk von Nähmaschinenproduktion und Eisenbahn, in der Uckermark erinnert das Tabakmuseum Vierraden an den Tabakanbau, im Barnim stehen Technikgeschichte und das Schiffshebewerk Niederfinow im Mittelpunkt. Im Süden wiederum prägen Bergbau und die industrielle Transformation der Lausitz zahlreiche Standorte.

Alte Industrie wird zum touristischen Rohstoff

Industriekultur funktioniert wirtschaftlich anders als klassische Produktion. Ein stillgelegter Ofen stellt nichts mehr her, ein ehemaliger Tagebau schafft keine Kohleförderung mehr und ein historisches Stellwerk steuert keinen modernen Bahnverkehr.

Trotzdem können solche Orte neue Wertschöpfung erzeugen.

Besucher zahlen Eintritt, nutzen Gastronomie, übernachten in der Region oder verbinden den Besuch mit weiteren Ausflugszielen. Veranstaltungen schaffen zusätzliche Nachfrage. Gleichzeitig entstehen Arbeitsplätze in Museen, Tourismus, Gastronomie, Veranstaltungsmanagement und Denkmalpflege.

Brandenburg vermarktet Industriekultur deshalb inzwischen ausdrücklich als touristisches Erlebnis. Die offizielle Tourismusorganisation des Landes bündelt entsprechende Standorte und stellt den heutigen Aktionstag als landesweites Angebot für Technikinteressierte und Familien heraus.

Baruther Glashütte zeigt, wie historische Produktion weiterlebt

Ein besonders anschauliches Beispiel ist die Baruther Glashütte.

Dort wird Industriegeschichte nicht ausschließlich hinter Museumsvitrinen präsentiert. Beim heutigen Aktionstag werden Glasherstellung und handwerkliche Techniken unmittelbar vorgeführt. Das historische Produktionsverfahren wird damit selbst zum Erlebnisangebot.

Kulturstaatssekretär Tobias Dünow eröffnete den vierten Tag der Industriekultur am heutigen Sonnabend in Glashütte. Damit erhält das Thema auch auf Landesebene politische Aufmerksamkeit.

Das Beispiel zeigt einen wichtigen Unterschied zu vielen klassischen Denkmälern: Industriekultur kann besonders erfolgreich sein, wenn Besucher nicht nur Gebäude sehen, sondern Produktionsprozesse verstehen und teilweise unmittelbar erleben.

Vom Nähmaschinenwerk bis zur Dampfmaschine

Auch andernorts wird die industrielle Vergangenheit unterschiedlich inszeniert.

Das Stadtmuseum Wittenberge stellt regionales Handwerk und die Geschichte der Nähmaschinenproduktion vor. In Pritzwalk ist ein elektromechanisches Stellwerk im Originalzustand erhalten. In Teltow reicht die Präsentation auf dem früheren Biomalzgelände von historischer Dampftechnik bis zu moderner Robotik.

Gerade diese Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart macht Industriekultur für wirtschaftliche Standortpolitik interessant.

Eine Region zeigt nicht nur, was früher hergestellt wurde, sondern kann daraus eine Erzählung über technischen Wandel, Erfindergeist und heutige wirtschaftliche Kompetenzen entwickeln.

In der Lausitz bekommt Industriekultur zusätzliche Bedeutung

Besonders deutlich wird das im Süden Brandenburgs.

Dort fällt der Umgang mit Industriegeschichte unmittelbar mit dem Strukturwandel nach dem Kohleausstieg zusammen.

Ehemalige Bergbauorte werden zu Landschaftsparks, Museen, Aussichtspunkten oder Veranstaltungsflächen. Gleichzeitig entstehen Forschungs- und Technologieprojekte, die eine neue industrielle Zukunft aufbauen sollen.

Das macht Industriekultur in der Lausitz politischer als an vielen anderen Orten: Sie erinnert nicht nur an eine abgeschlossene Epoche, sondern begleitet den Übergang von einer Wirtschaftsstruktur zur nächsten.

Auch das Zechen- und Badehaus Brieske beteiligt sich heute am Aktionstag und verbindet Bergbaugeschichte mit neuen kulturellen und touristischen Nutzungen. Auf der ODZ wurde dieser einzelne Standort bereits separat behandelt.

Das Schiffshebewerk ist Technikgeschichte mit Millionenwert

Zu den bekanntesten Beispielen gehört Niederfinow.

Das historische Schiffshebewerk und das neue Hebewerk machen technische Infrastruktur selbst zum Ausflugsziel. Der Standort steht damit exemplarisch für eine Entwicklung, bei der Ingenieurgeschichte und Tourismus zusammenfinden.

Der Tag der Industriekultur findet dort ebenfalls am heutigen 8. August statt.

Solche Anlagen unterscheiden Brandenburg von klassischen Kulturreisezielen.

Burgen, Schlösser und Kirchen gibt es in vielen Regionen Europas. Ein historisches Schiffshebewerk, eine erhaltene Großziegelei oder eine riesige Förderbrücke vermitteln dagegen eine Wirtschafts- und Technikgeschichte, die eng mit dem jeweiligen Standort verbunden ist.

Industriekultur kann Identität nach Werksschließungen erhalten

Der wirtschaftliche Nutzen ist jedoch nur ein Teil der Geschichte.

Wenn ein großes Werk schließt, verliert eine Stadt oft mehr als Arbeitsplätze. Generationen von Familien haben dort gearbeitet, Vereine wurden unterstützt und ganze Wohnviertel entstanden wegen der Fabrik.

Bleiben wenigstens Teile dieser Geschichte sichtbar, kann das helfen, regionale Identität trotz wirtschaftlicher Veränderungen zu erhalten.

Das ist gerade in Ostdeutschland relevant, wo nach 1990 zahlreiche Betriebe innerhalb kurzer Zeit verschwanden oder grundlegend umgebaut wurden.

Industriekultur kann deshalb einen Brückenschlag leisten: Sie erzählt von der Vergangenheit, ohne zwangsläufig in ihr stehenzubleiben.

Aus Erinnerung wird Standortmarketing

Der heutige Aktionstag zeigt letztlich eine wirtschaftspolitische Chance.

Brandenburg verfügt nicht nur über Seen, Wälder, Schlösser und Naturparks. Das Land besitzt auch eine außergewöhnlich vielfältige Industriegeschichte – von Glas und Textil über Eisenbahn, Landwirtschaft und Ziegelei bis zu Bergbau, Energie und Maschinenbau.

Wenn diese Standorte professionell erhalten, miteinander vernetzt und touristisch vermarktet werden, entsteht daraus ein eigenständiges Profil.

Dann ist eine stillgelegte Fabrik nicht nur ein Denkmal an verlorene Arbeitsplätze.

Sie kann Ausgangspunkt für neue Wertschöpfung sein.

Quellen

Tourismus-Marketing Brandenburg – 4. Tag der Industriekultur Brandenburg am 8. August 2026.

Land Brandenburg – Eröffnung des 4. Tages der Industriekultur in Baruth/Mark.

Tourismus-Marketing Brandenburg – Angebote in Baruther Glashütte, Niederfinow, Wittenberge, Pritzwalk, Teltow und weiteren Industriestandorten.