Wenn Berlin sich im Sommer über Tage aufheizt, wird die Hitze für einen Teil der Bevölkerung zu einer unmittelbaren Gesundheitsgefahr. Besonders betroffen sind Menschen, die auf der Straße leben und weder eine kühle Wohnung noch zuverlässig Trinkwasser oder einen geschützten Rückzugsort haben. Der Berliner Senat stellt deshalb in diesem Sommer rund 370.000 Euro für spezielle Hitzehilfeangebote bereit. Sozialsenatorin Cansel Kiziltepe besucht am heutigen Dienstag ein entsprechendes Projekt der SozDia Stiftung in Neukölln.

Die sozialen Folgen hoher Temperaturen werden damit zunehmend zu einer politischen Aufgabe der Hauptstadt. Was früher vor allem als Wetterphänomen betrachtet wurde, betrifft inzwischen Sozialpolitik, Gesundheitsversorgung und Stadtentwicklung gleichermaßen.

Berlin finanziert Schutzräume und mobile Hilfsteams

Die zusätzlichen Berliner Hitzehilfeprojekte laufen vom 1. Juni bis zum 31. August und ergänzen die ganzjährigen Angebote der Wohnungsnotfallhilfe.

Gefördert werden Schutzräume sowie mobile und aufsuchende Hilfsangebote in verschiedenen Bezirken. Obdachlose Menschen erhalten dort unter anderem Trinkwasser, Lebensmittel und Materialien zum Schutz vor Sonne und Hitze. Hinzu kommen Dusch- und Waschmöglichkeiten, medizinische Erstversorgung und soziale Beratung.

Mehrere Träger schicken zusätzlich Teams auf die Straßen. Sie sollen Menschen erreichen, die Hilfseinrichtungen selbst nicht aufsuchen oder deren gesundheitlicher Zustand bereits problematisch ist.

Der Ansatz ähnelt damit zunehmend der Berliner Kältehilfe: Hilfe soll nicht erst angeboten werden, wenn ein Betroffener selbst danach fragt.

Wer auf der Straße lebt, kann der Hitze kaum entkommen

Das zentrale Problem für obdachlose Menschen ist die dauerhafte Belastung.

Während sich Bewohner einer Wohnung zumindest zeitweise in Innenräume zurückziehen können, fehlen Menschen auf der Straße häufig Schatten, ausreichende Wasserversorgung und Möglichkeiten zur körperlichen Erholung.

Der Senat warnt deshalb ausdrücklich vor Austrocknung, Kreislaufproblemen und weiteren gesundheitlichen Folgen. Hohe Temperaturen können für obdachlose Menschen schnell lebensgefährlich werden.

Berlin zählt Obdachlose deshalb ausdrücklich zu den besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen.

Auch ältere und pflegebedürftige Menschen sind gefährdet

Die soziale Dimension der Hitze reicht allerdings weit über Wohnungslosigkeit hinaus.

Besonders gefährdet sind auch ältere Menschen, Pflegebedürftige, Menschen mit Herz-Kreislauf- oder anderen chronischen Erkrankungen, Kleinkinder sowie Menschen, die im Freien arbeiten oder leben. Berliner Gesundheitsämter weisen zudem darauf hin, dass alleinlebende ältere Menschen mit eingeschränkter Mobilität während längerer Hitzeperioden besonders schwer erreichbar sein können.

Pflegeeinrichtungen müssen deshalb zunehmend eigene Hitzeschutzkonzepte entwickeln.

Dazu gehören beispielsweise Verschattung, kühlere Aufenthaltsbereiche, angepasste Tagesabläufe und Schulungen für Beschäftigte. Berlin behandelt Hitzeschutz damit inzwischen nicht mehr nur als individuellen Gesundheitstipp, sondern zunehmend als Aufgabe sozialer Einrichtungen.

Dichte Bebauung verschärft das Problem

Besonders schwierig ist die Lage in dicht bebauten Stadtteilen.

Versiegelte Flächen, Häuserfassaden und Straßen speichern tagsüber Wärme und geben sie während der Nacht wieder ab. Dadurch kühlt die Innenstadt teilweise deutlich schlechter aus als weniger dicht bebaute Randlagen.

Der Berliner Senat verweist darauf, dass die nächtlichen Temperaturen in Innenstadtlagen während Hitzeperioden erheblich über denen am Stadtrand liegen können.

Gerade Menschen ohne klimatisierte oder ausreichend kühle Wohnung sind diesen sogenannten Wärmeinseleffekten dauerhaft ausgesetzt.

Neukölln sucht gezielt nach kühlen Orten

Der heutige Besuch der Sozialsenatorin führt bewusst nach Neukölln.

Der Bezirk hat bereits eine Übersicht sogenannter kühler Orte veröffentlicht. Dazu gehören Einrichtungen und Räume, die während besonders heißer Tage zeitweise Schutz bieten können.

Auch Trinkwasserstellen und weitere Hitzeschutzangebote werden gebündelt dargestellt. Besonders ältere, pflegebedürftige, chronisch erkrankte und obdachlose Menschen sollen damit leichter erreichbare Rückzugsorte finden.

Der Ansatz zeigt, wie stark Hitzeschutz inzwischen mit klassischer sozialer Infrastruktur verschmilzt.

Aus Wettervorsorge wird Sozialpolitik

Der heutige Besuch von Cansel Kiziltepe ist deshalb mehr als ein Sommertour-Termin.

Berlin steht vor der Frage, wie eine Millionenstadt funktionieren kann, wenn extreme Temperaturen häufiger auftreten und gleichzeitig ein Teil ihrer Einwohner kaum Möglichkeiten besitzt, sich selbst davor zu schützen.

Schutzräume, Trinkwasser, Straßensozialarbeit und medizinische Hilfe werden dadurch zunehmend Bestandteil kommunaler Krisenvorsorge.

Für Menschen mit ausreichend Einkommen und einer gut isolierten Wohnung bedeutet ein heißer Sommertag möglicherweise vor allem Unbehagen.

Für jemanden, der auf einer Parkbank schläft, krank oder pflegebedürftig ist und keinen kühlen Rückzugsort besitzt, kann derselbe Tag zur gesundheitlichen Gefahr werden.

Genau an diesem Unterschied entscheidet sich, ob Hitzeschutz künftig lediglich als Klimathema – oder auch als soziale Aufgabe verstanden wird.

Quellen

Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung Berlin

Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege Berlin

Bezirksamt Neukölln von Berlin

Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg von Berlin

SozDia Stiftung Berlin